Zeitzeichen

Hafturlaub?

Archivartikel

Auch für 2019 hat die Kalenderindustrie wieder alle erdenklichen und nahezu undenkbaren Register gezogen, um zeitliche Orientierung mit großen Bildern zu verkaufen. Etwa unter dem Titel „Toiletten. Eine Reise zu den stillen Örtchen dieser Welt“. Außerdem gibt es Männer in Schottenröcken zu bewundern – oder ohne („Stallburschen“). Selbst Karpfen und Blasmusik lassen sich schön fotografieren. Auf der nach oben offenen Skurrilitätsskala landet aber ausgerechnet das Hessische Ministerium der Justiz einen Überraschungstreffer namens „Justizvollzug in Hessen“.

Vorne prangt ein noch mäßig anheimelnder Blick auf die Gitterlandschaft des babyblau gestrichenen D-Fügels der Justizvollzugsanstalt (JVA) Kassel I – „mit Krankenrevier“. Innen wird es regelrecht pittoresk, wenn das Märzmotiv den Kinderspielplatz im geschlossenen Vollzug der JVA Frankfurt III zeigt. In den früheren Kapuzinerklosterbau der Dieburger Haftanstalt möchte man fast einziehen – zumal der Stacheldraht die Alarmanlage überflüssig macht. Das Kopfsteinpflaster in Rockenburg lässt von bretonischen Bauernhöfen träumen, auch das Lüdertor zur JVA Schwalmstadt weckt Urlaubsgefühle ....

Justizministerin Eva-Kühne Hörmann ist ausgebildete Juristin – unwahrscheinlich, dass sie mit den verlockenden Knastbildern subtil die Straffälligkeit aus Lust am „Hafturlaub“ fördern will. Das Jahr ist noch jung und hoffnungsvoll genug, um einfach mal das Beste anzunehmen: Dass die CDU-Politikerin mit diesem Kalender die Utopie eines verbrechensfreien Jahres 2019 vertritt, in dem weite Teile der hessischen Gefängnisse sich so dramatisch leeren, dass auch unbescholtene Bürger mal eine Woche Ferien hinter Gittern machen könnten. Visionär ... Jörg-Peter Klotz