Zeitzeichen

Hauptgewinn Kaffeetrinken

Archivartikel

Mittagszeit ist Kaffeezeit. Dementsprechend voll sind die öffentlichen Koffeeinaufnahmestellen. Doch Grund zur Sorge ist das nicht, denn Durstige rücken gerne zusammen, um anderen noch das heiße Tässchen Kaffee im Sitzen zu ermöglichen. Da hört man Schlürfen, Schmatzen oder das Rascheln von Zeitungsseiten – und sonst: das große Schweigen.

Doch halt, einen Menschen gibt es immer, der plappert wie ein Wasserfall: Hündchen, Garten, Ehepartner und, oh Graus, auch noch vom Krieg. Müde Menschen an der Kaffeetheke spielen dann die Reise nach Jerusalem: Hört das rauschende Dampfen des Kaffeautomaten auf, muss der, der nicht schnell genug ist, mit dem letzten Platz beim Plappermaul vorliebnehmen. Doch der Verlierer ist eigentlich ein Gewinner: Er gewinnt ein Lächeln auf den Lippen und Lebenserfahrung.

„Junger Mann, setzen Sie sich!“, sagte neulich so ein Plappermäulchen im Café. Und dann erzählte sie von ihren geliebten Urlaubsreisen nach Tunesien, die sie nun seit 42 Jahren macht. Drei Mal im Jahr: „Nicht einen Monat, sondern jeweils vier Wochen.“ Da muss man genau sein. Fidel wie ein junger Hund sei sie, sagt die betagte Dame über sich selbst. Warum? Das wisse sie genau und zitiert ihren Arzt: „Lasse die Finger von den ältern Leuten, denn die machen nur alt!“ Also plaudert sie lieber mit den jüngeren.

Doch um etwaigen Missverständnissen sofort vorzubeugen stellt die Dame klar: Ein Mann komme ihr aber nicht in die Wohnung! Und Tanzen auch nur ohne Männer! Zum Abschied sagt sie: „Schätzchen, tschüs! Und Ihre Frisur steht Ihnen wunderbar!“ So eine Kaffeepause ist doch ein Hauptgewinn, der den ganzen Tag versüßt. Leon Igel