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Hauptstadt

Archivartikel

Wie konnte das nur passieren? Wir waren eigentlich sicher, dass irgendwo in Niedersachsen die Hauptstadt der deutschen Sprache liegen müsse. In der Gegend in und um Hannover vermuteten wir das Kernland des Hochdeutschen, dieses Dialektes, der – im Gegensatz zu manch anderen – überall im Land verstanden wird. Um nur ein Beispiel zu nennen: Hören wir das schöne Substantiv „Hochzeit“, dann erstehen vor unserem geistigen Auge doch unversehens Braut und Bräutigam, wallend weiße Kleider und so weiter. Eher mit Unverständnis reagieren nicht so versierte deutsche Muttersprachler, wenn sie das etwas knorrige Wörtchen „Hauzich“ hören: Hochzeit auf Schwäbisch. Noch rätselhafter wird’s, wenn Mannheimer auf derb Mannemerisch „Schbrich globbe“. Da muss einer schon gut hinhören, um folgen zu können.

Trotzdem: Auf etlichen Mannheimer Straßenbahnwagen prangt seit geraumer Zeit die unbescheidene Werbung „Hauptstadt der deutschen Sprache“. Mit Recht, wie sich bei näherem Hinsehen zeigt: Gleich drei hier bis vor wenigen Jahren gemeinsam beheimatete Institutionen kümmern sich um alles Deutschsprachige: Seit 1964 das Institut für Deutsche Sprache (IDS), dazu das Goethe-Institut Mannheim-Heidelberg und bis vor ein paar Jahren auch die Dudenredaktion, die mittlerweile nach Berlin abgewandert ist. Das änderte nichts am 2007 selbst gewählten Hauptstadt-Attribut. Federführend war dabei wohl das Goethe-Institut. Und wer unseren Dichterfürsten im Namen führt und ihn auf seiner Seite weiß, der drechselt Slogans für eine gefühlte Ewigkeit. Einziges Manko: So lange werden die Schienenkarossen wohl nicht durchhalten. Harald Sawatzki