Zeitzeichen

Hippie-Archäologie

Es gibt Bücher, mit denen sind mehrere Generationen aufgewachsen. In den 1950er und 1960er Jahren galt dies für „Götter, Gräber und Gelehrte“ – ein mehr als fünf Millionen Mal verkaufter Weltbestseller. Den „Roman der Archäologie“ – geschrieben von einem Journalisten unter dem Pseudonym C. W. Ceram – wurde nicht einfach gelesen. Nein, verschlungen! Bei der Lektüre beschlich einen das Gefühl, dabei zu sein, wenn Heinrich Schliemann die Stadt Troja entdeckt oder Howard Carter im Tal der Könige das Grab des Tutanchamun öffnet.

Wer den Klassiker im Jugendalter „inhaliert“ hat, für den bedeutet Archäologie abenteuerliches Reisen in versunkene und doch reale Welten voller Geheimnisse. Solcherart geprägt, mag man kaum glauben, dass heutzutage Forscher dieser geschichtsträchtigen Zunft nach junger statt altertümlicher Zeitgeschichte buddeln – beispielsweise auf dem Gelände des Woodstock-Festivals. Dabei liegt das legendäre Hippie-Treffen gerade mal 49 Jahre zurück – eine lausige Zeitspanne im Vergleich zu Pharao Tutanchamun, der um 1330 vor Christus regierte.

Was im einstigen Schlamm des von Hunderttausenden belagerten Hippie-Hügels gesucht wird? Der exakte Platz der Bühne als Epizentrum des nicht nur musikalischen Rausches soll (laut Berichten) lokalisiert werden. Nun ja, zu wissen, wo genau Jimi Hendrix im August 1969 mit Körpereinsatz Gitarre spielte, das hat was. Ohnehin gilt es angesichts archäologischer Science-Fiction-Romane, die gerade in Mode sind, in puncto Kulturgut-Ausgrabungen umzudenken. Schließlich war Woodstock eine gigantische Utopie. Ob diese über so lange Zeit wie Tutanchamun die Menschen fasziniert, bleibt abzuwarten.