Zeitzeichen

Integriertes Verständnis

Archivartikel

Jetzt geben sich wieder alle verständnisvoll. Nachdem eine neuerliche Integrationsdebatte über das Land hinweggeweht ist, sagt Bundesinnenminister Horst Seehofer über deren Verursacher: „Özil ist einer von uns.“ Selbstverständlich gehöre der Fußballer, der rassistische Vorbehalte gegen sich verspürt zu haben meinte, zu Deutschland. Und das soziale Netzwerk Facebook signalisiert ebenfalls Verständnis, nachdem Museen gegen dessen Vorschriften zur Abbildung von Nackten protestiert hatten. Es gibt ja in der Kunstgeschichte jede Menge Hüllenlose auf Gemälden, die Facebook nicht zu zeigen erlaubt, wenn für Ausstellungen mit ihnen geworben werden soll.

Nun wird in Medienberichten ein Facebook-Sprecher mit den Worten zitiert, das Unternehmen sei „gerade dabei“ seinen „Ansatz zu Nacktheit in Gemälden bei Werbung zu überprüfen“. Zuletzt hatten besonders belgische Adressen sich über die Praxis beklagt, der auch Putten von Rubens zum Opfer gefallen waren. Dazu eine Frage zum Verständnis: Wie viel davon, vor allem Kunstsinn, braucht es, um bei Facebook die Praxis zu überdenken? Und mit Bezug zu oben: Wie viel Verständnis ist nötig, um noch zu verstehen, worum es eigentlich in der Integrationsdebatte ging? In jeder sie betreffenden Hinsicht integriert seien wohl nur die Mitglieder von Sekten und Gefängnissen, schrieb ein prominenter Leitartikler. Für Leute wie Sie und mich gilt, dass sie mehr oder weniger integriert sind in ihr soziales Gebilde. Gut indes wäre ein in uns alle von vornherein integriertes Verständnis – nutzbar in allen Belangen, bei denen es hilfreich ist. Thomas Groß