Zeitzeichen

Kinorot

Archivartikel

Es ist wieder soweit! Das Ludwigshafener Festival des deutschen Films bietet großes Kino. Wer das von Oma vererbte Lexikon mit Lederrücken und Goldbuchstaben zur Hand nimmt, staunt nicht schlecht, wenn er beispielsweise wissen möchte, was der „Große Herder“ in jenem Jahr 1933 zu „Kino“ eingetragen hat, als der Sensationsfilm „King Kong und die weiße Frau“ in deutschen Lichtspieltheatern anlief, außerdem „Dick und Doof“ (also Stan Laurel und Oliver Hardy) als Wüstensöhne zum Lachen brachten. Der Text in Kursivschrift mutet höchst sonderbar an: „Kino, das – dunkelrotes, glänzendes leicht zerreibl. verdicktes Pflanzengummiharz …“. Wie bitte?

Mal ehrlich, hätten Sie gedacht, dass vor 85 Jahren „Kino“ hauptsächlich für ein geruchsloses Gummiharz mit zusammenziehender Wirkung stand und teurer als der schon in der Bibel gerühmte Weihrauch gehandelt wurde? Ach ja, der harzige Hauptbestandteil namens „Kinorot“ diente (laut Lexikon) auch zum Färben von Portwein. Was für eine „Kino“-Geschichte! Die würde sich doch glatt als Stoff für einen Film eignen. Und der könnte ja beim Festival auf der Parkinsel uraufgeführt werden. Mit kinorotem Süßwein bei der Premierenfeier, versteht sich.

Nicht unterschlagen werden soll, dass es noch einen zweiten „Kino“-Eintrag gibt – mit dem Hinweis, der Begriff meine das einstige „Bioskop-Theater“. Eigentlich schade, dass dieses wunderbare Wort samt dem Kinematographen untergegangen ist. Waltraud Kirsch-Mayer