Zeitzeichen

Klare Aussage

Archivartikel

Über Nacht sind sie aufgetaucht. Die Wahlplakate. An Straßenlaternen, Zäunen, Aufstellern oder – wie die AfD auf Twitter stolz verkündete– jetzt auch mobil als Werbefläche auf Rädern. Wahlkampf ist schon eine anstrengende Sache. Ganz besonders, wenn man sich Plätze im Europaparlament sichern möchte. Da der potenzielle Wähler diesem einen Medium nicht einmal beim Entsorgen des Haushaltsmülls aus dem Weg gehen kann, ist die Wichtigkeit der Prägnanz und Aussagekraft eines Wahlplakats entsprechend hoch.

Während die SPD sich mit Einwort-Phrasen in die Kugelschreiberspitzen der Stimmberechtigten spielen möchte, wirft die CDU mit ihren Bildern zumindest eines auf: Fragen. Auf einem CDU-Plakat ist auf der einen Seite ein Kapuzenträger vor einem weißen Monitor und auf der anderen eine Frau in Tarnkleidung im Dunkeln zu sehen. Dabei steht: „Sicherheit ist nicht selbstverständlich.“ Der Zusammenhang bleibt fraglich. Die Grünen schließen sich der Verwirr-Masche an: Auf einem ihrer Plakate ist Annalena Baerbock als Fürsprecherin Europas zu sehen und nicht die Europakandidatin Ska Keller.

Was noch fehlt, ist ein echter Skandal, dachte sich da wohl die AfD und nutzte einen Ausschnitt von Jean León Gérômes „Sklavenmarkt“ aus dem 19. Jahrhundert für ihr Plakat. Darauf wird eine weiße, nackte Frau von turbantragenden Männern begutachtet. Die AfD warnt: „Damit aus Europa kein ’Eurabien’ wird!“ Soll heißen: Weiße Europäer müssten befürchten, dass „Muslime“ sie eines Tages versklaven werden. Tatsächlich galt das Bild zur Zeit Gérômes einem gänzlich anderen Zweck: Die Frau auf dem Bild ist eine Afrikanerin. In der Geschichte waren es vor allem Europäer, die Afrikaner versklavten. „Der Sklavenmarkt“ diente der Stabilisierung des Westens durch Brandmarkung des Orients – und nicht, wie von der AfD dargestellt, anders herum.