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Klimaneutraler Hausgeist?

Archivartikel

Die Ansage in diesen Tagen lautet „Trautes Heim“. Vernünftigerweise. Wenn das Wohnzimmer der einzige noch verfügbare Freizeitpark ist, schlägt natürlich die große Stunde der Streaming-Dienste: Musik, Nachrichten, Dokus und Unterhaltung bei den Öffentlich-Rechtlichen, Filme oder Serien bei Abo-Anbietern. Für die Jüngeren schon lange eine Selbstverständlichkeit. Aber ob sich die Generation Klima klar macht, dass Netflix kein umweltfreundlicher Hausgeist ist, der im Dachstuhl wohnt und auf wundersame Weise bebilderte Schauergeschichten im Wohn- oder Kinderzimmer erzählt?

Eine halbstündige Serienfolge entspreche in puncto CO2-Ausstoß einer Autofahrt von mehr als sechs Kilometern Länge, rechnet die französische Denkfabrik The Shift Project vor. Dem Think Tank zufolge hat das Streaming 2018 weltweit einen Ausstoß von Treibhausgasen verursacht, der dem ganz Spaniens entspricht. Und: Die Menge soll sich bis 2025 verdoppeln, schätzen die Franzosen. Dabei ist die aktuell durch die Corona-Krise verstärkte Nutzung zwangsläufig noch gar nicht eingerechnet.

Das mindert das Bedürfnis nach Unterhaltung oder Ablenkung natürlich nicht – klar ist auch: Ein bisschen Spaß muss sein, gerade in Krisenzeiten. Wie immer macht die Dosis das Gift. Zumal Bildqualität und Signalstabilität vereinzelt zu wünschen übrig lassen, wenn die Republik kollektiv im Netz hängt. Dazu kommt die verstärkte Home-Office-Nutzung. Wer das satt hat, könnte ein paar in ein, zwei Generationen fast vergessene Kulturtechniken wieder entdecken: physische Bild- und Tonträger zum Beispiel. Oder das gute alte Buch. Das kann man zur Not sogar bei Kerzenlicht in den Kopf runterladen.

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