Zeitzeichen

Lange ein Phantom

Stephan Töngi über seine Beziehung zum Reformator

Wer wie ich in einem Vorort der Lutherstadt Worms geboren und aufgewachsen ist, musste eine besondere Beziehung zum Reformator entwickeln. Positiv oder negativ. Mein Verhältnis zu Martin Luther war negativ geprägt. Schließlich war ich katholisch (und bin es noch). Und meine religiöse Sozialisierung im kleinen Pfeddersheim lief zu einer Zeit ab, in der die Einwohner einander in Katholiken oder Protestanten, CDU- oder SPD-Mitglieder unterschieden. Die Gottesdienste wurden (und werden es heute noch) in einer Simultankirche abgehalten. Doch mit dem Turm endeten auch schon die Gemeinsamkeiten. Ansonsten nahmen die Protestanten die linke, wir Katholiken die rechte Kirchentür.

Während der Predigt konnte ich die Nachbargemeinde singen hören. Von Ökumene war damals, in den 60ern, aber keine Rede. Von Luther bei uns Katholiken ebenso wenig. Er kam nicht vor, als wäre er ein Phantom. Dabei begegnete mir der Mönch in Worms auf Schritt und Tritt, vor allem in Form des zentralen Denkmals, der Mutter vieler Luther-Monumente.

Richtig näher gekommen ist mir der aufmüpfige Reformator erst jetzt anlässlich des Jubiläumsjahres und meiner journalistischen Arbeit mit dem Thema. Da wären Luther und seine großen Verdienste: als Förderer der deutschen Sprache, als Vermittler eines gnädigen Gottes und Befürworter eines selbstbewussten Christenmenschen, als Impulsgeber für Kunst und als mutiger Kritiker von Fehlentwicklungen in der katholischen Kirche, der (in Worms!) sogar dem Kaiser widerspricht.

Da sind aber auch Luthers Irrwege, allen voran sein fataler Kampf gegen die Juden. Mit seinem verhängnisvollen Hass hat er es geschafft, noch vier Jahrhunderte später von den Nationalsozialisten zum Beleg für ihre Vernichtungspolitik herangezogen zu werden. Dies ist nicht mein Luther, sondern der furchtlose Revoluzzer, der so vieles in Frage stellte.

Stephan Töngi hat Russistik und Geschichte studiert und ist seit 1985 Redakteur dieser Zeitung.