Zeitzeichen

Lügen haben kurze Weile

In Zeiten von schnelllebigen Medienformaten im Internet, wo eine Meldung eine Halbwertszeit von nur einigen Stunden hat, hat es die konventionelle Berichterstattung schwer. Aber "Der Postillion" ist ein erfahrener Fisch im Haifischbecken, der nicht nur von aktuellen Ereignisse berichtet, sondern sie meist auf höchstem Niveau ironisiert, verdreht und zur Karikatur verdammt. So bietet die Internetseite geistreiche Fehlinformationen mit wahrem Kern, wie "US-Waffenlobby fordert Menschenverbot" oder "SPD, AfD und Linke beginnen Sondierungsgespräche für gemeinsame Opposition".

Diese "Fake-News"-Maschine ist neun Jahre alt und hat neben vielen Auszeichnungen 2013 schon den Grimme Preis Online Award in der Kategorie "Information" gewonnen. So weit, so erfolgreich. Aber nun ziehen die Lügner mit einem abendfüllenden Programm durch die Republik und machten auch in der gefüllten Halle 02 in Heidelberg einen humorvollen Halt. Zwar verrieten die souveränen Sprecher Anne Rothäuser und Thiess Neubert in diesem als seriöse Nachrichtensendung getarnten Format gleich zu Beginn, dass es alle Meldungen und Kurzfilme kostenlos im Internet gäbe. Dennoch erzeugten die geballten Pointen eine gute Stimmung. So sei der Kölner Dom über Nacht um 360 Grad gedreht oder eine neue Intensivstation für Männer mit Schnupfen gegründet worden. Jamaika habe seine Flagge nun weiß-blau-magenta eingefärbt, um nicht mit einer zukünftigen Regierung verknüpft zu werden. Kurzweiligkeit, ein grandioser Vorteil im Internet, ist dramaturgisch nachteilig. Den witzigen, aber aufgeblähten Geschichten fehlt der Zusammenhang. Und durch die Abendfülle waren viele flache und abgenutzte Zoten dabei, die nicht weggeklickt werden konnten. Bühnen funktionieren eben offline. (Jaspar Glaschke)