Zeitzeichen

Mit links

Brachte Goethe seinen Faust mit einer links gehaltenen Tintenfeder zu Papier? Gestaltete da Vinci das Lächeln der Mona Lisa linker Hand? Kreierte Mozart die „Kleine Nachtmusik“ nicht nur im Hirn, sondern auch bei der händischen Noten-Übertragung mit links? Verewigte Michelangelo die legendären Hände auf dem Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle sozusagen „bi-manuell“? Jedenfalls sollen die vier Kunstschaffenden Linkshänder gewesen sein. Dass eine anders gepolte Schokoladenseite beim Schreiben und mehr jahrhundertelang als verpönt galt, davon kündet die Sprache. Lange bevor „links“ und „rechts“ (abgeleitet von der Sitzordnung in der früheren französischen Abgeordnetenkammer) politisch Karriere machten, musste „links“ ganz allgemein für Abwertendes herhalten.

Wer als „linker Vogel“ (und damit hinterhältig) abgestempelt war, wurde gesellschaftlich „links liegen gelassen“. Was beim mittelalterlichen Hochadel auch für die „Ehefrau zur linken Hand“ zutraf: Denn die galt in puncto Abstammung als nicht ebenbürtig und musste deshalb bei der Trauung links von ihrem blaublütigen Bräutigam stehen. Und wer kennt es nicht, das Betrügen-Synonym „jemanden linken“. Bekanntlich signalisiert „mit dem linken Fuß aufstehen“ drohendes Ungemach. Selbstredend möchte niemand zwei sprichwörtlich „linke Hände“ haben. Aber mal ehrlich, zwei linke Hände so begnadet wie jene von Michelangelo, die hätte wohl jeder gern.

Nur gut, dass „Normalo“- Rechtshänder inzwischen die Seiten gewechselt haben – bei ihrer Einstellung gegenüber „Linksern“ (wie es früher abfällig hieß). Dazu dürfte auch ein Aufklärungstag beigetragen haben, der stets am (bevorstehenden) 13. August allen Linkshändern dieser Welt gewidmet ist. Und die gab es schon vor Urzeiten, wie Handabdrücke an alten Höhlenwänden belegen. Waltraud Kirsch-Mayer