Zeitzeichen

Närrisch

Archivartikel

In den sogenannten närrischen Tagen treibt der Unsinn Blüten. Noch bis Dienstag um Mitternacht bleibt dazu Zeit – mithin drängt sie schon etwas, die Zeit, und das besonders dort, wo laut ARD-„Tagesschau“ am vergangenen Donnerstag eine Minute zu spät die Altweiberfasnacht und also der Höhepunkt der fünften Jahreszeit eingeläutet wurde, nämlich erst um 11.12 Uhr. Des Narren Uhr tickt freilich ohnehin anders. Und dass dann laut unserer Addition statt 7969 nur 7968 Minuten des ungebremsten Frohsinns möglich wären, dürfte zu verkraften sein. Könnte nicht die Verknappung gar entlastend wirken, zumal für jene, die tatsächlich, wie es im ARD-Bericht weiter auch hieß, die ganze Zeit „durchfeiern“? Eine solche Kondition nötigt Respekt ab – so lange ohne Schlaf gilt in anderem Zusammenhang als Folter. Aber es sind ja eben närrische Tage.

Man könnte sie auch nutzen, um die größte „Narrenhochburg“ am Rhein, nämlich Köln, zu besuchen und sich auf sprachliche und volkskulturelle Spurensuche zu begeben. Wer nicht nur weiß, was etwa „Flönz“ bedeutet, sondern die fette Blutwurst auch zu goutieren versteht, der wird wohl auch dann in „Kölle“ anerkannt sein, wenn sein Kostüm keinen Originalitätspreis gewinnt. Das Beste: Ein solches kulturelles Verständnis hat noch Bestand, wenn die närrische Zeit vorbei ist – egal, wie man es bis dahin mit dem Durchfeiern hält. Thomas Groß