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Niederlande

Archivartikel

Nun, da die Briten einem vereinigten Europa den Rücken kehren – nun ist es umso dringlicher, dass sich der Rest der EU auf sich, seine Teile und auf deren Eigenarten besinnt. Nur wer sich kennt, kann sich ja recht schätzen und lieben. Wir haben an dieser Stelle schon einmal knapp die Eigenart der Slowenen gewürdigt, die Bewohner des südöstlichen Landes, das einen vor Einfällen übersprudelnden Philosophen namens Slavoj Zizek seinen größten Prominenten nennen darf (oder muss) und vor allem eines nicht sein will: ein Teil des Balkans. Verlängert man die Kompassnadel in etwa die entgegengesetzte Richtung, trifft man auf die Niederlande, die mit Offenheit und Ehrlichkeit beeindrucken. Nicht umsonst sagt der Landesname viel über die geografischen Besonderheiten aus.

Was jedem Besucher ebenfalls schnell auffällt, sind die in Häusern zur Straße hin ausgerichteten großen, gardinenlosen Fenster der Erdgeschosse, die, Indiskretion vorausgesetzt, tiefe Einblicke in Wohnstuben gewähren. Es heißt, der Niederländer zeige so, dass er nichts zu verbergen habe, worin sich der anhaltende Einfluss des Calvinismus und seiner Moral zeigen könnte. Zudem sind die Niederländer ein Volk der Radfahrer (ohne Doppel- und Hintersinn), geprägt haben sie die weltweite Radkultur mit sogenannten Hollandrädern, die als stabil und wartungsarm gelten, was womöglich ebenfalls eine Entsprechung zum Volkscharakter hat. Die dritte Eigenschaft des Rads legt diesen Bezug erst recht nahe: Ziemlich aufrecht sitzen Fahrerinnen und Fahrer nämlich auf dem Gefährt. Verlässliche Menschen, so schließen wir, findet man hier. Für das verkleinerte Europa taugen sie gewiss als Vorbild.