Zeitzeichen

Noch ein Buch

Auf Gehwegen liegen vielerorts Bücher zum Mitnehmen. Es gibt eben zu viele davon - oder Leser, die ihre Bibliothek neu sortieren. In digitalen Zeiten will jeder die analogen Bestände verschlanken. Aus den Gratis-Offerten der Straße ließe sich eine Hitliste des Entbehrlichen zusammenstellen. Ganz oben mit dabei: die Klassiker, von Ovid über "Wilhelm Tell" bis zur "Unfähigkeit zu trauern". Auch die Antiquariate quellen über. Der Wert der papiernen Ware sinkt. Wer eine gediegene Bibliothek veräußern möchte, muss froh sein, wenn der stöhnende Buchabdecker am Ende nicht noch den Abtransport in Rechnung stellt.

Womöglich erscheinen einfach zu viele Titel. Neben glamourösen Sachbuchautorinnen wie Daniela Katzenberger, routinierten Krimischreibern wie Ulrich Wickert oder Reiseschriftstellern vom Schlage Hape Kerkelings publizieren Hinz und Kunz. Wer damit noch zögert, wird auf Plakaten von Schule des Schreibens, Deutschlands größtem Anbieter von Schreibkursen für künftige Autoren, in vollendeter Domina-Manier an Papierbogen oder PC zitiert: "Schreib! Dein! Buch!" Im Portfolio der Möglichkeiten ist für jeden etwas dabei. Wollen Sie auf "professionellem Niveau das Handwerk des Romanschreibens erlernen"? Oder einen "fesselnden Krimi schreiben"? Kein Problem, das Spektrum der Fernlehrgänge reicht von der Kurzgeschichte über Krimi und Roman bis zur Autobiografie. Auf dass der Bücherpegel weiter steige. Und die Flut der Produkte all der professionellen Schreibhandwerker sehr schnell auf die Gehwege schwappe... Hans-Dieter Fronz