Zeitzeichen

Östlicher Erfolgswind

Der Auftritt von Depeche Mode 1988 in der DDR. Was für eine Ekstase! Als jemand, der rund zwei Jahre zuvor erst geboren ist, stockt einem angesichts der dokumentierten Euphorie (in Ost-Berlin!) der Atem. Und man würde die Bewunderung sogar teilen, wenn die Eltern endlich davon absehen würden, bei diesem Thema gebetsmühlenartig zu wiederholen, „diese Band habe damals Musikgeschichte geschrieben“.

So. Und jetzt wird der Sprung zur südkoreanischen Boyband BTS (Bangtan Boys) ziemlich gewagt. Man könnte sagen, dass auch diese Formation bereits im Osten erfolgreich war. Der Umstand, dass dieser „Osten“ geografisch gesehen noch weiter entfernt ist als seinerzeit Ost-Berlin, sagt freilich noch nichts über die Relation des Erfolgs – und erst recht nicht über die musikalische Qualität, die ihn (zumindest aus Sicht von Kulturredakteuren) rechtfertigen müsste.

Und als solcher ahnt man, dass ein seriös gemeinter Vergleich der beiden Formationen mit nicht weniger als dem sicheren Karriere-Aus (samt Berufsverbot) geahndet wird. Also laviert man weiter und bedient sich der Naseweisheit eines Kabarettisten, der feststellt, dass die Musik beider Bands durchaus therapeutische Qualitäten besitzt, sich allein die Indikation unterscheidet: Lieder der Bangtan Boys sollte man bei Menschen anwenden, die zu traurig sind, die Musik von Depeche Mode bei Menschen, die zu fröhlich sind.

Beim Wettbewerb „Ticket des Jahres“ hatten die Abstimmenden („aus 200 Millionen Live Entertainment Begeisterten weltweit, wurden jetzt die Fans aus Deutschland für das beliebteste Live Event 2018 zur Abstimmung gebeten“, heißt es in einer Mitteilung von Oktober Promotion) weniger Bedenken: BTS verwies Depeche Mode und Metallica auf die Plätze zwei und drei. Wer mit Popmusik aus Südkorea wenig anfangen kann, den tröstet, dass Depeche Mode für ihren Auftritt 1988 das Ticket des Jahrtausends gebührt. Florian Lim