Zeitzeichen

Pünktlichkeit

Der Zug war pünktlich“, heißt eine frühe Erzählung Heinrich Bölls; sie erzählt von den letzten Tagen eines Frontsoldaten, weiß Gott kein heiterer Gegenstand, er wird hier auch ausschließlich des Titels wegen zitiert. Denn könnte er so heißen, wenn es für den Autor ganz und gar selbstverständlich gewesen wäre, dass ein Zug strikt zur planmäßigen Zeit ein- und ausfährt? Das sei hier deshalb erwähnt, weil sich immer wieder sehr erregt wird über die Unpünktlichkeit heutiger Züge und überhaupt über die Deutsche Bahn. Auch Glossen sind darüber schon zuhauf verfasst worden, aber hat man schon einmal erfragt, wie sich die Pünktlichkeitsbilanz verändert hat im Lauf der Jahre?

Zugegeben, der britische Kriminalroman „16 Uhr 50 ab Paddington“ und der gleichnamige Film, in dem Miss Marple im Zug einen Mord in einer anderen Bahn beobachtet, könnten Anderes nahelegen. Der Titel lautet ja nicht „Ungefähr 16 Uhr 50 (...)“ oder „17 Uhr 20 mit dreißigminütiger Verspätung ab Paddington“; tatsächlich galt Pünktlichkeit früher sowohl als große britische Tugend wie als deutsche. Aber ist es die Schuld der Bahn, wenn es damit nicht mehr so weit her ist? Es gibt heute wohl mindestens so viele Menschen wie früher, die andere warten lassen – weil sie bummeln oder vielleicht auch mit der Absicht, ein soziales Gefälle oder ihre eigene Besonderheit zu unterstreichen. Die britische Politik handelt entsprechend in Bezug auf ihren Austritt aus der EU. Warum sollte ausgerechnet die Deutsche Bahn noch für jene Sache einstehen, die so viele andere längst nicht mehr oben ansiedeln?