Zeitzeichen

Schwitzen in der Schlange

Archivartikel

Wissen Sie, wann Sie das letzte Mal so richtig in einer Schlange standen? Eine, die so voller Menschen war, dass es überhaupt keine Schlange mehr war, sondern nur noch ein Haufen erhitzter Häupter? Warum man im Hochsommer freiwillig Schweiß und im Winter Erkältungsviren mit seinen Mitwartenden austauschen sollte?

Gründe gibt’s dafür viele. Was früher die Bananen in Ostdeutschland waren, sind heute Küchenmaschinen im Discounter oder Neueröffnungen von Konsumtempeln, bei denen für die ersten Gäste ein angewelktes Blümchen winkt. Wo der Mensch was Besonderes kriegen kann, da wartet er also gerne. So weit, so verständlich. Verrückt wird es dann aber, wenn sich Menschen nicht um die schönen Dinge des Lebens rangeln, sondern nur, um sich zu martern.

Das gibt’s doch außer am Laufband im Fitness-Studio gar nicht, denken Sie? Dann besuchen Sie mal die Mannheimer Universitätsbibliotheken um fünf vor acht Uhr morgens in der aktuellen Klausurenphase. Blümchen gibt’s da keine, auch Bananen nicht, nur Tisch und Stuhl und eine Klimaanlage, die, na klar, entweder zu kalt oder zu warm ist. Wie zuhause also, außer, dass dort niemand zusieht, wie man lernt. Ich pauke, also bin ich.

Wie abgedroschen diese Phrase ist – darüber kann man beim nächsten Warten ja mal nachdenken. Leon Igel