Zeitzeichen

Sib-Syrien

Archivartikel

Menschen, die unter autoritären oder vollends diktatorischen Regierungen ächzen, pflegen zuweilen ein besonderes Refugium an Freiheit – ihren Humor. Und weil es dort ja nicht eigentlich viel zu lachen gibt, wirkt dieser oft bitter oder wie der sprichwörtliche Galgenhumor. Osteuropa bot lange Zeit ein herausragendes Beispiel dafür. In dieser Zeitung war kürzlich, als es um den „Prager Frühlings“ im Jahr 1968 ging, von einem Transparent folgenden Inhalts zu lesen, das in der Hauptstadt der damaligen CSSR kursierte: „Mit der Sowjetunion auf ewige Zeiten – aber keinen Tag länger!“ Die offiziell verordnete Jubelstimmung auch bei mäßig verlaufenden Erfolgskurven griff folgender Witz auf, der das geläufige Muster der Fragen an den fiktiven Sender Radio Eriwan nutzte: Ist es richtig, dass Genosse Kaspakov ein Auto in der Lotterie gewonnen hat? Antwort: Im Prinzip ja, aber näher betrachtet war es kein Auto, sondern ein Fahrrad, und eigentlich hat es der Genosse auch nicht gewonnen – es ist ihm gestohlen worden.

Wie es scheint, gibt auch das heutige Russland Anlass zu subversivem Witz. Medienberichten zufolge strebt eine Gemeinde in den Weiten Sibiriens, die sich selbst für vergessen und gottverlassen hält, eine Namensänderung an. „Syrien“ will sie künftig heißen – weil dieses bürgerkriegsgebeutelte Land doch so viel russische Hilfe erhalte, wenn auch sehr fragwürdige, wolle man sich auf solche Weise auch zu ein wenig Unterstützung verhelfen, heißt es. Thomas Groß