Zeitzeichen

Star des Radios

Die Band The Buggles sang ihren Hit „Video killed the Radio Star“ prophetisch schon Ende der 70er des vorigen Jahrhunderts. Die Musiker ahnten bereits, dass es mit dem Radiohören eher bergab gehen würde, das bewegte Bild die Unterhaltungs- und Informationsfronten erobern würden. Statt beschaulicher Musik zum Tagesanbruch drängten mehr oder weniger telegene Morgenmagazine ins Bewusstsein des angeblich nach Neuigkeiten lechzenden Publikums. Wir halten bis heute dagegen, doch gottlob nicht nur wir allein, wie uns jüngste Statistiken offenbaren: Stolze 36,5 Millionen Hörer zählten hunderte Radiosender landauf, landab vergangenes Jahr. Drei Stunden täglich ließen sie sich beschallen. Sie haben freilich nicht alle das Glück, in südlichen Gefilden der Republik zu leben. Deshalb kennen sie vermutlich einen unserer Mikrofon-Favoriten nicht, der uns an manchen Tagen gleich nach der Münchner Nachtmusik in aller Herrgottsfrühe aus Morpheus’ Armen reißt. Wenn unser Mann uns in verhalten optimistischer Stimmlage von den Nachwirkungen böser Alpträume erlöst, dann kann’s wirklich losgehen: „Grüße Sie“, säuselt er ins Ohr, verweigert dabei aber regelmäßig den Gebrauch des ihm zustehenden Personalpronomens „ich“. Wir müssen gestehen: Wir würden ihn gerne jedes Mal ein bisschen korrigieren, ihm das Begrüßungs-Ich in den Mund legen. Doch die Kommunikation mit unserem persönlichen „Radio Star“ verläuft auf einer akustischen Einbahnstraße: Er spricht, wir lauschen. Also warten wir am nächsten Morgen gespannt auf ein nächstes Lebenszeichen aus seinem Studio. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, vielleicht überlegt er es sich und fängt eines Tages einen Satz tatsächlich so an, wie wir es in der Schule gelernt haben: mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Harald Sawatzki