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Archivartikel

Überall in der Region grassiert zur Zeit die Schnakenplage – und bringt mit einem Mal lange verdrängte Erinnerungen an die Jugend und Kindheit zurück. Wer heutzutage über juckende Insektenstiche jammert, kann sich kaum vorstellen, wie weit verbreitet die surrenden Stechmücken in den 1960er und 70er Jahren an Rhein und Neckar gewesen sind. Damals gab es die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) noch nicht. Sie wurde erst 1976 ins Leben gerufen – und das aus gutem Grund.

In der Zeit davor waren abendliche Geselligkeiten im Freien, im Biergarten und auf der Terrasse, eher die Ausnahme als die Regel. Vom mediterranen „Dolce Vita“, das heute so typisch ist für unsere Region, noch keine Spur. Wenn’s dämmerte, brachen regelrechte Heerscharen von bestialischen Blutsaugern über die zivilisierte Welt am Oberrhein herein. Wild um sich schlagend flüchtete so manche Tischrunde in die sicheren vier Wände, um Fenster und Türen zu verrammeln. Szenarien, die an George A. Romeros Zombiefilm „Die Nacht der lebenden Toten“ erinnern; der wurde wohl nicht von ungefähr 1968 gedreht.

Damals gehörte zum Zubettgehen das tägliche Absuchen der Schlafzimmerwände nach den tierischen Störenfrieden, die kurzerhand erschlagen wurden. Doch oft hatte man den ein oder anderen Eindringling übersehen, dessen Gesurre die Nachtruhe dann unmöglich machte. Blutflecken auf der Tapete zeugten am Morgen danach von nächtlicher Selbstjustiz. Nein, früher war nicht alles besser.