Zeitzeichen

Über den Zeiten

Archivartikel

Es ist doch schön, wenn man von Dingen hört, die geradezu herrlich zeitlos wirken. Besonders jetzt mag man so denken, da alles, wie ja viele klagen, immer schnelllebiger wird. Und jetzt, da man vielleicht umgekehrt über einiges Zeitbedingte ein wenig irritiert gewesen ist. Zum Beispiel darüber, dass manche es gar nicht komisch fanden, als CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer Fasnachtswitze über Toiletten für ein drittes Geschlecht machte. Oder man wundert sich vielleicht auch noch, weil eine Hamburger Kindertagesstätte Eltern gebeten hat, ihre Kleinen nicht als Indianer oder Scheich zu verkleiden – alles ganz im Sinne einer kultursensiblen, diskriminierungsfreien Erziehung.

Nichts gegen gute Absichten, mag man da denken: Aber war Karneval nicht eigentlich die Zeit, wo Konventionen keine Rolle spielen und verlacht werden dürfen? Vielleicht fragen sich auch manche, ob es je richtig und korrekt war, den Song „Indianer“ der Gruppe Pur anzuhören. Und ziemlich unkorrekt wäre es wohl, die viel beschworene multikulturelle Gesellschaft als einen Karneval der Kulturen zu erleben.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, meint der Dichter Hölderlin. Und so wurde passend zum Ende der nicht mehr über den Zeiten stehenden fünften Jahreszeit ein anderer alter Brauch bekannt gemacht. In Oberammergau gilt, wie berichtet, wieder der „Haar- und Barterlass“. Die Mehrheit der nächstes Jahr an den Passionsspielen Mitwirkenden muss nun auf Rasur und Haareschneiden verzichten. Das wird nicht in jedem Fall gut aussehen. Aber tröstlich wirken mag es ja doch, dass so manches noch wohltuend über den Zeiten steht. Thomas Groß