Zeitzeichen

Verzettelt

Die einen schätzen ihn als praktische Erinnerungsstütze, andere belächeln ihn als Relikt aus der Analogära vor smarten E-Memos. Die Rede ist vom Zettel. Das zwischen Schnipsel und Blatt wabernde Papier ist häufig negativ belegt - was für den im Lutherjahr diskutierten Ablasszettel genauso gilt wie für neuzeitliche Strafzettel. Und "(sich) verzetteln" meint ebenfalls nichts Gutes. Dabei hat bei diesem Ausdruck ein ganz anderer Zettel Pate gestanden - jener aus der Webersprache für die Kettfäden-Folge.

Von wegen Zettelwirtschaft leiste Chaos Vorschub! Vielmehr vermag dieserart Sammelsurium Kreativität anzuzetteln. Nicht von ungefähr hat die Lyrikerin und Erfolgsschriftstellerin Ulla Hahn in einem Gespräch über ihren Roman "Wir werden erwartet" einmal mehr betont, dass sie nie ohne Zettel für Gedankenblitze das Haus verlässt. Und dass ein Zettel dem Tormann hilft, die Angst beim Elfmeter abzuwehren, lehrte uns Jens Lehmann - als er bei der Fußball-WM 2006 einen Spickzettel mit Schussgewohnheiten argentinischer Kicker aus dem Strumpf zog. Angesichts digitaler Speicher mag der berühmt-berüchtigte Zettelkasten antiquiert erscheinen - aber dafür besitzt er Kultstatus: Ob es sich um das ambulante Gedächtnis des Soziologen Niklas Luhmann oder ausgelagerte Hirnsynapsen von Arno Schmidt für "Zettel's Traum" handelt. Ach ja, in einer Zettel-Hommage darf natürlich der Wahlzettel nicht fehlen - denn der kann mehr als (politische) Denkzettel verpassen.