Zeitzeichen

Winnetou

Am Ende bekennt Karl Mays Winnetou, dass er sich hat bekehren lassen: „Ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!“, sagt er und stirbt. Zuvor hat er sich ein Ave Maria singen lassen und seinen Freund Old Shatterhand angehalten, für ihn zum „großen, guten Manitu“ zu beten, womit er auch schon nicht mehr die allumfassende Kraft der indianischen Naturreligion, sondern den alleinigen Gott der Christen meinte. Einem religions- und kirchenkritischen Zeitgeist mag dies merkwürdig vorkommen, tatsächlich sagt es vor allem etwas über den Autor aus, dessen Kenntnisse Amerikas und der Indianer nicht sehr ausgeprägt waren, als er die einschlägigen Romane schrieb.

Gleichwohl lässt sich der Sache eine zeitgemäße Wendung geben, wie der Schauspieler Jean-Marc Birkholz vorführt. Winnetou sei offen gegenüber anderen Religionen und könne also noch heute ein Vorbild sein, hat er der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Birkholz ist der Darsteller des Apachenhäuptlings bei den Karl-May-Festspielen im nordrhein-westfälischen Elspe, die an diesem Samstag beginnen. Angekündigt werden 60 Darsteller und Stuntmen sowie 40 Pferde für die Vorführungen; Birkholz verspricht zudem, trotz des Apachen Tod müsse nach „Winnetou III“ keiner traurig nach Hause gehen. Da möchte man fast wetten, dass die Festival-Auflage auch ohne die zeitgemäße Deutung von Winnetous Bekehrung ein Publikumserfolg wird. Thomas Groß