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Wörtlich

Archivartikel

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Das große Glashaus Welt scheint freilich ohnedies höchst fragil; Fehler und Gebrechen allerorten. Kommt es da noch auf ein paar Steine mehr oder weniger an? Nirgendwo ist Perfektion zu erwarten. Lässt es also Takt und Selbstkritik vermissen, wenn man in einem Medium, das sich wie alles hienieden fehleranfällig zeigt, Versehen der anderen aufführt – oder das, was man dafür hält? Wenn es ohne Häme und in informativer Absicht erfolgt, geht es wohl erst recht. Also sei daran erinnert, was uns im österreichischen Kärnten (Werbespruch: „Kärnten is a Wahnsinn“) auf einem Tourismusplakat gleichsam ins Auge stach. Dort stand, es würden sämtliche Lokalitäten, die Inhabern der „Kärnten-Card“ Rabatte gewähren, auf „einem (!) Blick“ geboten. Das könnte, so dachten wir, schmerzhaft sein, das Ins-Auge-Stechen intensivierend, wenn alles auf dem armen, einzigen Augenblick lastete.

Dagegen hielte das gebräuchlichere „auf einen (!) Blick“, so scheint uns, denselben in augenschonender Distanz. Und auch wenn nicht alles wörtlich zu nehmen ist, bleibt daran zu erinnern, dass der Dativ nicht nur, wie Sebastian Sick so erfolgreich meinte, den Genitiv bedrohen kann, sondern den Akkusativ schon auch. Piefigen Hochmut gegenüber Ösi-Sitten muss man hierbei nicht vermuten. Tatsächlich zeigt eine eingehende Analyse des Dativ-Blicks hier wie dort ein mäßiges Vorkommen. Die sich in Toleranz übende Wissenschaft möchte ihn nicht als fehlerhaft bezeichnen. Wie schon angedeutet: Sprachliche Schludrigkeit, wie sie auch in Medien vorkommt, soll nicht relativiert werden. Aber angesichts der so fehlerhaften Welt kommt es auf ein paar (grammatische) Fälle so oder anders ja wohl auch nicht weiter an – oder? Thomas Groß