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Der neue Film: Edgar Reitz spinnt seine „Heimat“-Chronik fort und verlängert sie virtuos nach hinten ins 19. Jahrhundert

Schabbacher Mikrokosmos

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 01.10.2013

Von unserem Redaktionsmitglied Thomas Groß

Fast vier Stunden dauert dieser Film, er ist in Schwarz-Weiß gedreht, ergänzt durch nur wenige farbige Akzente, und seine Mitwirkenden sprechen eine Mundart, in die man sich erst hineinhören muss, ehe sich die Inhalte ganz erschließen. Schon diese wenigen Fakten machen klar, dass der Film, mit dem Edgar Reitz seine "Heimat"-Trilogie fortschreibt, die Kinokonventionen sprengt. Ein Monolith ist er inmitten all der Konfektionsware, die im Vergleich zu ihm selbst jene Werke bilden, die per se zu den ausdrucksstärkeren zählen.

Abschrecken lassen darf man sich davon nicht. Die Geduld, die Reitz einem abverlangt, ist die Voraussetzung, um den Film in seiner echten Größe wahrzunehmen. Der in jeder Einstellung, in fast jedem Wort spürbare enorme Kunstwille geht selten ins Leere. Das so elitär anmutende Unternehmen erschafft etwas, das man so nicht (mehr) für möglich gehalten hätte. Wie in seiner Trilogie, mit der Reitz Film- und Fernsehgeschichte schrieb, etabliert der mittlerweile 80 Jahre alte Regisseur eine unverfälschte Volkstümlichkeit fern von allem Kitsch.

Der unerbittlich verrinnenden Zeit setzt er etwas entgegen, das diese anhält, stillstellt - das eindringliche Porträt eines Lebens, einer Landschaft und eines Zeitalters, über das die Geschichte längst hinweggegangen ist. Die Fortschreibung der "Heimat"-Trilogie, die das 20. Jahrhundert umspannte, geht nämlich noch weiter zurück in die Vergangenheit.

Edgar Reitz und der „Heimat“-Zyklus

Der Filmemacher Edgar Reitz, geboren am 1. November 1932 in Morbach im Hunsrück, hat dort auch seinen Filmzyklus "Heimat" angesiedelt, im fiktiven Örtchen Schabbach.

Der erste Teil, "Heimat - Eine deutsche Chronik" entstand 1981/82 und umfasst selbst elf Filme. Er erzählt am Beispiel von Maria Simon und ihrer Familie von der Zeit zwischen 1919 und 1982. Marias Sohn Hermann , der später Komponist wird, ist die Hauptfigur des zweiten Teils - "Die zweite Heimat - Chronik einer Jugend" sowie des dritten Teils "Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende", der die Wendejahre ins Zentrum rückt.

Der Film "Die andere Heimat" geht, wieder am Beispiel der Familie Si-mon, zurück ins 19. Jahrhundert. tog

Noch immer ist die (fiktive) Hunsrückgemeinde Schabbach der zentrale Ort des Geschehens, wieder steht die Familie Simon im Mittelpunkt und in dieser erneut ein sensibler junger Mann, dessen Sinn sich auf Höheres richtet. Jakob heißt er nun, nicht mehr Hermann, doch noch immer wird seine Biografie zum Spiegel der Zeitgeschichte.

Doppelte Gründe für die Flucht

Eine ärmliche Zeit ist das: Die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts sind auch im Hunsrück von Mangel und Krankheit geprägt. Adel und Landesfürsten kümmert die Not wenig. Und viele, die ihr Heil in der Flucht in die Neue Welt finden, haben dazu gleich doppelte Gründe. Sie fliehen nicht nur vor wirtschaftlicher Not ins Ungewisse, sondern auch vor staatlicher Unterdrückung und Bevormundung in die Freiheit.

Jakob, ein Taugenichts mit großen träumerischen Augen (Jan Dieter Schneider), hat zwei linke Hände, wenn es gilt, in der Familienschmiede mit anzupacken. Enorme Energie zeigt er indes beim Lesen. Sein Sehnsuchtsort ist Brasilien, Indianersprachen lernt er, später sinnt er den inneren Verwandtschaften und Unterschieden zwischen ihnen und europäischen nach. So wird er noch zum geschätzten Briefpartner Wilhelm von Humboldts, dessen Bruder Alexander (in einer skurril-versponnenen Szene gespielt von Werner Herzog) ihn gar besucht: Ob er auf diese Weise seinem Wunschland aber auch in der Realität näherkommt?

Fantasie und Realität, das sind die Pole, um die herum Reitz sein Opus auch dieses Mal entwickelt. Gemeinsam mit Gert Heidenreich hat er in diesem Sinne am dialektgefärbten Drehbuch geschrieben. Kameravirtuose Gernot Roll liefert die passenden Bilder, die viel Raum für gedankliche Projektionen bieten - weite Aufnahmen, die ins Visionäre ausgreifen, von Auswanderern auf prall bepackten Planwagen, vom Himmel, von weiter Landschaft mit vereinzelten Bäumen.

Wenn hier welche auf Acker und Feld arbeiten, wirkt die Szenerie wie auf Gemälden von Jean-François Millet. Wenn die Familie Simon eine kärgliche Mahlzeit verzehrt, sieht man sich an Van Goghs "Kartoffelesser" erinnert. Für besondere Noten sorgt die dosierte Farbgestaltung, einzelne Bildteile nur hebt sie hervor, die schwarz-rot-goldene Fahne von Burschenschaftlern auf einem Floß in der Dämmerung, die von Soldaten attackiert werden, oder ein matt schimmerndes Kristall, das liebste Stück eines schwermütigen Müllers, der sich schließlich erhängt.

Folklore hat den gebührenden Platz, die Bewohner des Dorfes feiern Kirchweih, tanzen, singen und verlieben sich. Zumeist ist ihr Tun und Empfinden freilich von der Not geprägt, die vielleicht doch etwas zu plakativ an jede kahle Lehmwand gemalt scheint. Und Jakob? Zwischen Fantasie und Realität bewegt sich besonders er, wird dabei älter und bleibt stets das Zentrum dieses ungewöhnlichen Films. So überzeugend wirkte der Schabbacher Mikrokosmos selten, wenn nicht nie.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 01.10.2013
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