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Hintergrund: Heidelberger Forscher stellen lateinische Handschriften der Bibliotheca Palatina ins Netz / Bereits 80 Prozent online

Digitale Renaissance-Bibliothek dient Historikern weltweit

Archiv-Artikel vom Mittwoch, den 28.09.2016

Von unserem Redaktionsmitglied Florian Balle

In der Heidelberger Uni-Bibliothek richtet Mitarbeiterin Christine Brenneis einen Band aus und fotografiert jede Seite. Die Aufnahmen haben 50-Megapixel.

© Rothe

Inmitten einer futuristischen Maschine liegt eine knapp 800 Jahre alte Handschrift. Das Okular einer Infrarotkamera fokussiert das brüchige Papier. "Sehen Sie? Der Schreiber nutzte Eisengallustinte", erklärt Thomas Wolf, Leiter der Digitalisierungsabteilung der Heidelberger Universitätsbibliothek, und betätigt den Auslöser der digitalen Spezialkamera. Ein Vorschaubildschirm blendet eine Fotografie der Buchseite ein - doch sie sieht ganz anders aus: Statt der kunstvoll-geschwungenen Handschrift erscheint ein Wasserzeichen.

"Das Infrarotlicht von hinten macht es uns möglich, die Tinte auszublenden, damit wir das prachtvolle Wasserzeichen studieren können", erläutert Wolf. "Wenn wir erkennen, zu welcher Papiermühle das Wasserzeichen gehört, können wir Rückschlüsse auf den Entstehungszeitpunkt der Schrift ziehen. Die Handschrift ,Flore und Blanscheflur' von Konrad Fleck zum Beispiel entstand ungefähr im Jahre 1220. Der Dichter hat das Werk nach einer französischen Vorlage verfasst." Die Handschrift ist Teil der Sammlung einer der wichtigsten Bibliotheken der Renaissance.

"Die Mutter aller Bibliotheken"

Das Digitalisierungsprojekt der Bibliotheca Palatina

Seit 2012 digitalisiert im Vatikan ein von der Heidelberger Universitätsbibliothek zusammengestelltes Team die 2000 lateinischen Codizes der Bibliotheca Palatina.

Das Fotografieren einer Seite dauert zwischen 60 und 90 Sekunden. Auf eine Bildbearbeitung, damit die Farbgebung der Datei dem Original möglichst nahe kommt, folgt die Aufbereitung für die Online-Veröffentlichung samt wissenschaftlicher Beschreibung. Bis heute wurden 1580 dieser Handschriften digitalisiert.

Zuvor haben Forscher der Universitätsbibliothek die deutschsprachigen Handschriften der Bibliotheca Palatina digitalisiert, die sich in Heidelberg befinden. Der Codex Manesse, auch bekannt als "Große Heidelberger Liederhandschrift", gilt mit 50 Millionen Euro Versicherungssumme als wertvollste Handschrift der kurpfälzischen Bibliothek.

Seit 2011 wurden die Internetseiten, auf denen die digitalen Faksimiles dieser Handschriften stehen, 1,7 Millionen mal abgerufen.

Der Vatikan beauftragte 2014 ein japanisches IT-Unternehmen mit der Digitalisierung der Apostolischen Bibliothek. Bereits 5500 Exemplare sind digitalisiert worden - ein kleiner Teil der rund 82 000 Handschriften.

[mehr...]

Die Bibliotheca Palatina, die unter anderem den Codex Manesse und das Falkenbuch Friedrichs II. zu ihrem Bestand zählte, galt gar als "Mutter aller Bibliotheken" im deutschsprachigen Raum. "Ein unsagbar wertvolles Buch ist auch das Lorscher Evangeliar, das inhaltlich aus den vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes besteht und einen Einband aus Elfenbein hat", sagt Wolf. Im Dreißigjährigen Krieg erbeuteten Truppen der katholischen Liga die Sammlung, die sich vorwiegend aus protestantischen Schriften speiste. Herzog Maximilian I. von Bayern wollte sie nach München bringen, schenkte die Buchsammlung dann aber Papst Gregor XV. - oder musste sie ihm schenken.

"Die wertvollen Holzeinbände wurden abgeschlagen und auf einem Scheiterhaufen verbrannt", sagt Wolf. "Um Gewicht zu sparen. Denn 200 Maulesel haben die vielen Tonnen von Handschriften über die Alpen getragen." Nach einem Beschluss des Wiener Kongresses im Jahre 1815 wurden die deutschsprachigen Werke zurück nach Heidelberg gebracht.

Für Historiker und Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen sind die lateinischen Codices nicht minder interessant. "Wir brauchten einen langen Atem", erinnert sich Wolf. "Im Jahr 2010 haben wir mit einem Präfekten der vatikanischen Bibliothek vereinbart, dass wir die lateinischen Codices, die sich in einem Büchertresor der Bibliotheca Apostolica Vaticana befinden, vor Ort digitalisieren dürfen. Seit 2005 haben wir es versucht", erinnert sich Wolf.

Projekt von immenser Bedeutung

Heute arbeitet ein Expertenteam gemeinsam mit Erasmus-Studenten im Schichtbetrieb an der Digitalisierung der 2000 lateinischsprachigen Codizes. In zwei Studios in Rom stehen Kameratische des so genannten Grazer Modells und eine Aufnahmestation zur Digitalisierung von Wasserzeichen. Kalte, UV-freie LED-Beleuchtung verhindert, dass die wertvollen Materialien Schaden nehmen. "Wir sind jetzt im sechsten Jahr und haben bereits 1580 Handschriften digitalisiert. 15 bis 18 Monate haben wir noch vor uns - dann wird der komplette Bestand der Bibliotheca Palatina online verfügbar sein." Den hohen Kosten des Projekts, die von der Manfred-Lautenschläger-Stiftung getragen werden, steht die immense Bedeutung für die Wissenschaft gegenüber. Die Zugriffsraten von Wissenschaftlern aus aller Welt illustrieren den Stellenwert.

1 700 000 Zugriffe aus aller Welt

"Die Seiten der Bibliotheca Palatina wurden seit 2011 mehr als 1,7 Millionen mal aufgerufen, allein im Januar 2016 haben wir 32 600 Zugriffe gezählt", sagt Wolf. Ein Mediävist beschreibt die Handschriften inhaltlich und formal, hält Informationen zu den verwendeten Materialien fest und erstellt Inhaltsverzeichnisse.

Die begeisterten Zuschriften von Forschern gehen auch auf die benutzerfreundliche Aufbereitung des historischen Materials zurück: Eine spezielle Software ermöglicht die Anzeige, das Blättern und die komfortable Navigation innerhalb der Handschriften.

Die Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg ist nach Prag die älteste deutschsprachige Universität und damit die traditionsreichste Hochschule auf deutschem Boden. Ihrem Ruf wird sie auch durch den wissenschaftlichen Anspruch des prestigeträchtigen Digitalisierungsprojekts gerecht.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 28.09.2016

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