Altlußheim

Fixierung macht stutzig

Archivartikel

Andreas Wühler über das seltsame Konsumverhalten hierzulande

Liebe in Zeiten des Coronavirus – der Vergleich mit dem berühmten Werk von Gabriel Garcia Márquez drängt sich dieser Tage förmlich auf, auch wenn es der kolumbianische Schriftsteller mit der Cholera zu tun hatte und sich Wortspiele, in denen es um die Liebe geht, für ein Volk, das Klopapierrollen hamstert eigentlich verbieten. Da sollte man neidlos den Franzosen den Vortritt lassen, in deren Supermärkten Rotwein und Kondome zur Neige gehen. Ganz zu schweigen von den Holländern, die sich noch den letzten Krümel Gras sichern wollen.

Und hierzulande? Nein, man will sich gar nicht vorstellen, was die Menschen mit all den Klopapierrollen vorhaben, der Gedanke an mit viel handwerklichem Geschick erstellte Mobiles ist da noch das harmloseste Bild, dass sich in die Großhirnrinde einbrennt.

Ach, waren das noch Zeiten als Loriot und Kulenkampff in den 1960er und 70er Jahren das Existenzminimum mit drei Dingen abstecken, die der Mann brauche – Feuer, Pfeife, Stanwell. Von Toilettenpapier war da nicht die Rede. Bei den Frauen war die Sache eh klar, da gab es den Heinzelmann und gut war‘s. Und auch bei den berühmten Wünschen, die verzauberte Frösche, Feen, Kobolde oder Untertassen im Fall der Entzauberung ausloben, war noch nie die Rede von Klopapier.

Nein, die Fixierung der Menschen aufs Klopapier in Notzeiten – wobei man den Rollen aus vielen Blickwinkeln ihre Nützlichkeit im Alltag nicht absprechen, nur die Prioritäten hinterfragen will – muss sich klammheimlich in die Gesellschaft eingeschlichen haben. Vor gut hundert Jahren, als die Titanic unzählige Klopapierrollen mit ins nasse Grabe nahm, da zählte der Spruch von „Frauen und Kinder zuerst“ noch, standen die Rollen hintenan und ihr Schicksal war besiegelt. Dieses Momentum darf allerdings nicht mit der Erfindung feuchten Toilettenpapiers verwechselt werden.

Shakespeare lässt Richard III. nach einem Pferd rufen und sonst nach nichts. Immerhin bietet er im Tausch ein Königreich und wer wollte ein solches schon für eine Rolle Drei- oder Vierlagiges verhökern. Parsifal sucht den Gral, Gollum den Ring, Harry Potter ist hinter den Horkruxen her, Zwerge suchen Gold, eine Leidenschaft, die sie mit Drachen teilen, und Arthur Dent hängt an seinem Handtuch – nur der Deutsche grast die Regale im Supermarkt ab, leise „Schatz, mein Schatz“ vor sich hinmurmelnd, und besagtes Papier hamsternd wollend.

Nehmen wir es schulterzuckend hin, wir können das Geheimnis nicht ergründen. Kehren wir lieber an den Ausgangspunkt zurück, zur großen Literatur. Denn die nächsten Wochen werden viel Gelegenheit zur Lektüre bieten.

Und da sei einem „Liebe in Zeiten der Cholera“ vom Marquez wärmstens empfohlen. Auch sein berühmtestes Werk, „100 Jahre Einsamkeit“, eignet sich nicht nur für Zeiten der Quarantäne. Die kompletten Ausgaben von Harry Potter oder dem Herrn der Ringe verkürzen gleichermaßen die Zeit. Nur wer jetzt zu Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull greift, der sei gewarnt, der Mann stapelt keine Klopapierrollen.

Und wer sich mit Arthur Dent auf Reisen beginnt, der lernt die Weiten des Universums kennen und vielleicht auch die Antwort auf die Frage hinter dem Klopapier hamstern: 42.

 
Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional