Altlußheim

Kriegbach Umgestaltung bringt Lebensräume für Tiere und Pflanzen / Durchgängigkeit für Fische soll gewährleistet werden / Spaziergänger reagieren irritiert

Neuer Lauf verbessert ökologische Vielfalt

Archivartikel

Altlußheim.Dröhnende Maschinen, abgetragene Stauwehre und nicht wirklich viele Informationen vor Ort: Die Renaturierung des Kriegbachs sorgte bei Waldspaziergängern für Irritationen. Doch auch wenn die Arbeiten etwas martialisch wirken mögen, geht es doch um eine gute Sache. Der Bachlauf, im Dritten Reich zu höchster Effizienz getrimmt und begradigt, soll wieder in eine naturnahe Form zurückgeführt – und dadurch attraktiver Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen werden.

Darüber freut sich auch Thomas Kuppinger, Mitglied im Vorstand des BUND-Ortsverbands „Hockenheimer Rheinbogen“ und als Neulußheimer bereits seit frühester Kindheit mit dem Gewässer vertraut. „Seit die Maßnahme vor zehn Jahren erstmals angekündigt wurde, freue ich mich darauf, denn so konnte es wirklich nicht weitergehen“, sagt der Diplom-Geologe und Umweltschützer.

Zum Ortstermin hat er nicht nur diese Zeitung eingeladen, sondern auch den Verantwortlichen im Umweltreferat des Regierungspräsidiums Karlsruhe, der die Maßnahme durchführt, sowie Projektplaner Paul Lehmann vom Ingenieurbüro Gebler in Walzbachtal und Dr. Thomas Grieshaber, Geschäftsführer von „BSD Baustoff und Gewässersanierungs GmbH“, die die Arbeiten übernehmen.

Holzriegel erlauben Passage

„Heute sieht es genauso aus, wie es aussehen soll“, freut sich Lehmann, als die Gruppe am Beginn des Baugebiets nahe des alten Munitionsdepots eine kleine Brücke quert. Wo noch vor wenigen Wochen künstliche Sohlschwellen waren, plätschert das kühle Nass nun durch hölzerne Riegel. Die erfüllen denselben Zweck – sind aber im Gegensatz zur Betonvariante für Fische und andere Wasserlebewesen passierbar.

Für die Dimensionen der Holzriegel wurde eine Durchflussmenge von 250 Litern pro Sekunde als Berechnungsmaßstab angelegt. Dieser Mittelwert ist bei der Exkursion um gute 100 Liter überschritten, kann aber auch mal auf nur 20 Liter abfallen, wie Lehmann erklärt. Solche Schwankungen sind für den Bach allerdings nicht ungewöhnlich, wie Kuppinger erläutert: „Wenn der Kraichbach wenig Wasser führt, kommt hier eben auch nichts an.“

Der Kriegbach ist ein Abzweig des Kraichbachs, der in Stettfeld, einem Ortsteil von Ubstadt-Weiher, entspringt. Im 17. Jahrhundert nutzte man das Gewässer, um Brennholz aus der Lußhardt nach Speyer zu transportieren. Den größten Teil seiner insgesamt 18 Kilometer Länge durchfließt der Bach dieses Waldgebiet, ehe er schließlich nahe Altlußheim in den Rhein mündet. Gleichzeitig zum Holztransport diente der Kriegbach auch zur Entlastung des Kraichbachs bei Hochwasser.

Der Namensbestandteil „Krieg“ bezieht sich übrigens nicht auf kämpferische Auseinandersetzungen, sonder leitet sich ebenso wie das Wasser selbst vom Kraichbach ab. Dessen Name verweist laut dem Linguisten und Experten für Gewässernamen Albrecht Greule auf die gewundene Form, die die beiden Bäche – wie alle natürlichen Fließgewässer – einmal hatten. Dem Kriegbach seine Windungen zurückzugeben, ist essenzieller Bestandteil der Renaturierungsmaßnahme des Regierungspräsidiums (RP).

Gewässer modelliert Ufer selbst

Bis zu den ersten Holzriegeln fließt der Bach gleichmäßig und langsam in seinem künstlichen Bett, ehe er gleich zu Beginn verwirbelt wird und sich seinen Weg in die erste Kurve bahnt. Freilich ist auch diese Kurve streng genommen eine künstliche, immerhin hat ein Bagger sie gegraben, aber dieser vergleichsweise kleine Eingriff ist Teil des Plans: „Wir nehmen bewusst nur ein Stück von der Uferböschung weg“, erklärt der Vertreter der RP, der nicht namentlich genannt werden möchte, „das Wasser fließt an der Außenseite der Kurve schneller und trägt Sedimentmaterial ab, auf der gegenüberliegenden Seite kann sich Sediment ablagern.“

Auf diese Weise baut sich das Gewässer seine Schlingen gewissermaßen selbst – alles, was die Arbeiter tun müssen, ist, den Bach sprichwörtlich in die richtige Richtung zu schubsen. „Beim naturnahen Wasserbau muss man vor allem Geduld mitbringen“, sagt der Fachmann.

Nicht nur bei der Mäanderkonstruktion ist es die Zielsetzung, den Kriegbach selbst die Arbeit machen zu lassen. „Wir haben an verschiedenen Stellen Kiesdepots angelegt“, erklärt der RP-Vertreter, „da kann sich das Gewässer bedienen und den Kies dort ablagern, wo er gebraucht wird.“ Einige der Depots seien tatsächlich schon komplett abtransportiert, andere wiederum werden wohl noch bis zum nächsten Hochwasser auf ihren Einsatz warten.

An einigen Stellen entlang des Bachlaufs, besonders dort, wo große Flächen des sandigen Untergrunds aus der Mutterbodenschicht herausragen, lässt sich die Entstehung der Schlingen mit Prallhang und Gleitufer und der einhergehende Sedimenttransport in Echtzeit beobachten. Etwas mehr Eingriff ist an anderen Stellen nötig. Künstliche Buhnen aus Baumstümpfen und Totholz ragen hier und da aus der Uferböschung. Das Wasser bricht sich an diesen Hindernissen und wird ans gegenüberliegende Ufer gedrückt. Im Kontrast zu dieser schnellen Wasserbewegung, entsteht direkt hinter der Buhne ein nahezu stehender Gewässerabschnitt.

Vielfalt der Lebensräume entsteht

Je nach Lebensweise und Bedürfnissen entstehen dadurch ideale Bedingungen für verschiedene Tier- und Pflanzenarten – eine Vielfalt, die der in mittelmäßiger Monotonie vor sich hindümpelnde begradigte Abschnitt des Kraichbachs niemals liefern könnte.

Der Werkstoff Holz wurde dabei bewusst gewählt: „Unser langfristiges Ziel ist es, dass die Buhnen, wie auch die übrige Böschung, wieder von Pflanzen bewachsen werden und damit ihre Funktion erfüllen können“, erklärt der RP-Vertreter, „wenn das Holz irgendwann verrottet und absackt, sollen im Idealfall die Wurzeln der Pflanzen die gleiche Funktion erfüllen.“ Statt einer permanenten Lösung aus Stein wählt er im Gewässerbau lieber die zarte Variante – Hilfe zur Selbsthilfe quasi.

„Wie ein Haus ohne Möbel“

Ein Ansatz, der dem Fachmann aus Karlsruhe in der Gewässergestaltung früherer Generationen deutlich zu kurz kommt: Bei ihnen war ein schnurgerader Verlauf, monoton und ohne jede Struktur, die Norm. „Es ist, als würde man ein Haus bauen und dann keine Möbel reinstellen. Wir sollten stattdessen mehr Mut haben, der Natur Raum zu geben und unsere wirtschaftlichen Interessen zurückzustellen.“ Dazu gehören neben dem Gestaltungsspielraum auch Rückzugsorte, beispielsweise für Fische.

Entlang der Strukturierungsstrecke ragen immer wieder Baumstämme aus der Uferböschung oder sind parallel dazu befestigt. Je nach Wasserstand werden sie unterflossen oder stehen gänzlich unter Wasser. Auch diese Unterstände, teilweise darauf ausgelegt, mit den Jahren von sich ansiedelnden Pflanzen ersetzt zu werden, geben dem Kriegbach zunächst die Erstausstattung, um der Natur zu ermöglichen, sich die Gegebenheiten genau so zurechtzustellen, wie sie gebraucht werden.

„Fließgewässer sind hochdynamische Systeme“, erklärt Thomas Kuppinger, „es ist immer alles da, was die Lebenswelt braucht, nur die Stelle verändert sich immer wieder.“ Dieses Wechselspiel zu ermöglichen, ist die Aufgabe, der sich das Regierungspräsidium gestellt hat. An zwei Stellen sogar mit Uferbereichen, die nur teilweise durchflossen sind: „Bei einem normalen Wasserstand haben wir dort einen engen Durchfluss“, erklärt der Wasserbauer vom RP, „bei Hochwasser kann sich der Bach aufteilen und über das alte begradigte und teilweise verfüllte Bachbett fließen.“

Mit der kleinen Insel, die dabei entsteht, bekommt der Kriegbach nicht nur einen weiteren Hingucker – die nur teilweise Überflutung bietet hoffentlich auch wieder Grundlage für Lebensformen, die auf eine Existenz mal nass, mal trocken spezialisiert sind.

Derzeit die sind Männer der Baufirma noch damit beschäftigt, letzte Buhnenelemente einzusetzen und die stellenweise noch zu akkuraten Böschungen etwas durcheinanderzubringen. Die Maßnahme ist eine von zwölf entlang des Kriegbachs, deren Ziel es ist, das Gewässer auf der vollen Strecke ab seiner Mündung bis zum Ursprung am Schneidmühlenwehr durchwanderbar zu machen, und hat dabei Symbolcharakter in Sachen naturnahe Gewässergestaltung.

Diskussion um Fischsterben

Wie weit man dem Bach erlaubt, sich zu entfalten, wird sich zeigen müssen. Spätestens, wenn die Bachschlingen am Grenzbereich der Waldeigentümer kratzen, wird es zumindest wieder Diskussionsbedarf geben. Der trat zuletzt im Sommer auf, als der Bach stellenweise trockengefallen war und Spaziergänger auf verendete Fische aufmerksam wurden.

„Dieser Ort ist für viele Anwohner, auch für mich selbst, ein seit der Kindheit vertrauter“, sagt Thomas Kuppinger, „wenn dann plötzlich die Bagger anrollen und der gewohnte Anblick verändert wird, werden die Leute verständlicherweise aufmerksam und kritisch.“

Die Baumaßnahme aber wegen des Fischsterbens, das auch nicht das erste war, zu verurteilen, geht für ihn zu weit (wir berichteten über einen Ortsbesuch mit dem BUND). Auch im Hinblick darauf, welche Vorteile eine natürliche Gestaltung für die Bachbewohner hat.

Info: Mehr Bilder gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

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