Altlußheim

Im Interview Rektorin Anja Ott berichtet, wie sich die Albert-Schweitzer-Schule auf die teilweise Aufnahme des Lehrbetriebs vorbereitet / Behutsam neue Normalität lernen

Sitzordnung wie vor 100 Jahren

Archivartikel

Altlußheim.Es ist so weit: Nach Wochen des Wartens dürfen die ersten Kinder am Montag wieder die Grundschule besuchen. Im Interview berichtet Schulleiterin Anja Ott (kleines Bild), wie sich die Albert-Schweitzer-Schule auf die Rückkehr der Viertklässler vorbereitet hat, welche Neuerungen es geben wird und worauf es beim Meistern der pädagogischen Krise am meisten ankommt.

Am 18. Mai geht der Schulbetrieb –zumindest teilweise – wieder los. Freuen Sie sich darauf?

Anja Ott: Ich freue mich darauf, die Schülerinnen und Schüler wieder zu sehen. Wir haben den Beruf gewählt, um Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander. Dies geschieht im Schulgebäude oder durch Lerngänge und Ausflüge. All dies konnte und kann so nicht mehr stattfinden. Dennoch ist es wichtig und gut, dass die Kinder nun wieder in die Schule kommen können. Was den Kindern von dieser Zeit in Erinnerung bleiben wird, das werden vorrangig die emotionalen Erlebnisse sein. Dies zeigt sich besonders jetzt, wenn an das Kriegsende vor 75 Jahren erinnert wird. Wenn man Zeitzeugen befragt, so sind es nicht die Unterrichtsinhalte, an die sie sich erinnern, sondern emotionale Erlebnisse. Hier ist es in erster Linie nun auch unsere Aufgabe die Kinder zu begleiten und zu unterstützen.

Was wird die größte Veränderung im Schulalltag sein?

Ott: Hartmut von Hentig forderte vor Jahren, Schule neu zu denken – natürlich in einem ganz anderen Zusammenhang und einer anderen Intention. Ja, wir müssen Schule mittel- bis langfristig neu denken. Die größte Veränderung wird für die Kinder sein, dass sie innerhalb des Klassenverbandes in Gruppen unterrichtet werden, an festen Plätzen mit Abstand sitzen, sich nicht mehr „frei“ bewegen können, keine Gruppen- und Partnerarbeit in gewohnter Form stattfinden kann, freiere Lernformen nicht möglich sind, der Sportunterricht erstmal ausfällt und so weiter. Und natürlich das Einhalten der Abstands- und Hygieneregeln. All dies erfordert ein hohes Maß an Disziplin von allen Beteiligten.

Schüler, Lehrer, Eltern – die Situation fordert Umsicht und Umdenken von alle Beteiligten. Wie bereitet sich die Albert-Schweitzer-Grundschule auf den 18. Mai vor?

Ott: Das Umdenken auf diese neuen Gegebenheiten begann bereits nach den Faschingsferien. Bereits hier wurden die ersten Maßnahmen getroffen, indem mit den Kindern regelmäßig die Hygieneregeln wie etwa richtiges Händewaschen sowie Hust- und Niesetikette besprochen wurden. Die Kinder haben sich hier bereits vorbildlich daran gehalten. Natürlich haben wir wie alle anderen Schulen auch uns an die Hygienehinweise des Kultusministeriums gehalten und den Hygieneplan unter Einbeziehung des Krisenteams entsprechend angepasst. Die Klassenzimmer wurden den Abstands- und Hygienevorschriften entsprechend gerichtet. Bereits zu Beginn der Schulschließung habe ich Kontakt zu der Leiterin des Familienzentrums Regenbogen, Simone Gera, aufgenommen mit der Bitte, ob auch Mund-Nase-Masken für unsere Schulkinder genäht werden können. Das Team um Frau Gera war sofort bereit und hat es ab Ende April ermöglicht, dass Eltern unserer Schulkinder gegen eine Spende, sich eine Maske abholen konnten. Die Hygienevorschriften führen natürlich zu einer völlig neuen Sitzordnung, die an die Sitzordnung zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert. All dies erforderte einen erhöhten Einsatz des Hausmeisterteams und der Verwaltung in Absprache mit der Gemeinde. Es wird wie in anderen Einrichtungen auch einen separaten Eingangsbereich und einen Ausgangsbereich geben mit jeweils einem Treppenhaus.

Gibt es Bedenken von Eltern, was die Sicherheit angeht?

Ott: In den letzten Wochen war der Kontakt zu den Elternvertretern und hier zum Vorsitzenden des Elternbeirates sehr intensiv. Ihnen möchte ich an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön sagen für die hervorragende Zusammenarbeit und den Austausch. Bedenken in Bezug auf die Sicherheit wurden bisher nicht an mich herangetragen.

Die stufenweise Öffnung des Schulbetriebs bringt ein alternierendes Prinzip mit sich. Wird der Präsenzunterricht so angepasst, dass Zuhause weitergemacht werden kann?

Ott: Hier folgen wir den Vorgaben des Kultusministeriums, sodass es einen Wechsel zwischen Präsenzunterricht und Fernlernunterricht geben wird. Vorrangig sollen die Fächer Deutsch, Mathematik und Sachunterricht gelehrt werden.

Wo wir beim Thema Lehrplan sind: Gibt es eine einheitliche Vorgehensweise?

Ott: Im Kollegium haben wir uns abgesprochen, dass die Kinder für einen Zeitraum von bisher 14 Tagen Lernpakete, die nach den Vorgaben der Bildungspläne konzipiert sind, von den Lehrerinnen und Lehrern ausgefahren bekommen, um die Bildungsgerechtigkeit zumindest auf diesem Weg zu gewährleisten. Nicht jedes Kind hat die technischen Möglichkeiten, um zum Beispiel Materialien auszudrucken. Gleichwohl haben die Eltern die Möglichkeit uns jederzeit zu kontaktieren entweder telefonisch über die Schule oder über unsere E-Mail-Adressen. Auch für die Abgabe und das Kontrollieren des Lernstoffes haben wir eine einheitliche Vorgehensweise beschlossen. In Bezug auf die Digitalisierung haben wir uns als freiwilliges Angebot für „Moodle“ entschieden, das auf Grund einiger technischer Feinheiten im Moment gerade ruht. Wichtig war für uns alle, dass wir den Kontakt aufrecht erhalten, so zum Beispiel auch durch Schulaktionen. So haben wir einen Maskottchenwettbewerb gestartet. Hier sollten die Kinder ein Schulmaskottchen entwerfen. Die Entscheidung steht noch aus, da jeder aus dem Schulteam stimmberechtigt ist. Ich habe mich sehr über die vielen Beiträge und kreativen Ideen der Kinder gefreut. Mein Dank gilt dem Kollegium und dem ganzen Schulteam, die es durch viele Aktionen, die nicht immer für die Gesellschaft so wahrnehmbar waren, die Fernbeschulung und die Wiederaufnahme des Schulbetriebs ermöglichen.

In der Schule stehen jedem die gleichen Ressourcen zur Verfügung – Zuhause nicht. Besteht die Gefahr, dass manche Schüler während der vergangenen Wochen den Anschluss verloren haben?

Ott: Was die Ressourcen angeht: Sicherlich waren die Voraussetzungen in den Familien sehr unterschiedlich. Die Lehrkräfte waren im Austausch mit den Kindern und Eltern, indem sie mit ihnen telefoniert oder gemailt haben. In Bezug auf das Anschlussverlieren kann ich nur sagen: Ja, sicherlich werden nicht alle wissenschaftlichen oder schulischen Inhalte von allen Kindern so bearbeitet worden sein wie es in einer „normalen“ Beschulung gewesen wäre. Doch daran kann man den weiteren Lebensweg eines Menschen meines Erachtens nicht festmachen. Wichtig ist jetzt in erster Linie, dass die Kinder körperlich und seelisch gesund diese Krise meistern. Inhalte kann man nachholen, Stück für Stück. Es darf nicht sein, dass die Kinder – die nächste Generation – die Verlierer dieser Krise sind. Behutsam und mit Bedacht müssen wir eine neue Form der Normalität lernen. Zudem werden Präsenzangebote für Kinder, die gezielt in bestimmten Bereich die Unterstützung einer Lehrkraft brauchen, möglich sein. Mit Blick auf die Viertklässler schmerzt mir schon das Herz, denn diese Kinder konnten und können in ihrem letzten Grundschuljahr einige besondere Erlebnisse wie zum Beispiel den Vorlesewettbewerb und bestimmte Ausflüge nicht wahrnehmen.

Gleichsam wird im Sommer der nächste – und eigentliche – erste Schultag folgen. Gibt es bereits Pläne für die Einschulung?

Ott: Wie es weitergeht nach den Sommerferien, dazu liegen noch keine Aussagen des Kultusministeriums vor. Wir fahren auf Sicht. Vieles wird davon abhängen, wie sich die Infektionszahlen entwickeln.

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