Brühl

Verkehr Anwohner in der Humboldtstraße fühlen sich von Gemeindeverwaltung nicht ernst genommen / Ehemalige Stichstraße wird von Durchgangsverkehr genutzt

1100 Autos am Tag strapazieren Nerven

Archivartikel

Brühl.„Wir fühlen uns regelrecht veräppelt – um keinen deftigeren Ausdruck zu verwenden, der eher passen würde.“ Marie Luise Dietrich ist sauer. Seit 1981 wohnt sie zusammen mit ihrem Mann Jürgen in der Humboldtstraße. Bis 2011 war das eine Stichstraße mit breitem Grünstreifen, in der es so gut wie keinen Autoverkehr gab. Mit dem Baugebiet Bäumelweg-Nord hat sich das geändert: Die Straße wurde ausgebaut und in beide Richtungen geöffnet. Seitdem klagen das Ehepaar sowie ihre Nachbarn Edgar Maurer und Hans Schwindtner über steigende Verkehrszahlen.

Im Gespräch mit unserer Zeitung zeigen sie Gesprächsnotizen und Schriftwechsel zum Thema – sie füllen inzwischen Ordner. Und daraus ziehen sie ein Gutachten vom Ingenieurbüro für Verkehrswesen Koehler, Leutwein und Partner hervor. Das weist für 2016 täglich 1100 Fahrzeuge aus. Dem stellen sie die Zahlen aus einem zweiten Gutachten des Mannheimer Sachverständigen Alex Fischer gegenüber, das für das Neubaugebiet den Ziel- und Quellverkehr zu diesem Zeitpunkt auf 250 Autos beziffert.

Mehrere Vorschläge eingebracht

„Das bedeutet, 850 Fahrzeuge nutzen die Humboldtstraße inzwischen als Durchgangsstraße zwischen dem Brühler Süden und dem Einkaufszentrum im Norden beziehungsweise Mannheim“, interpretiert Schwindtner die Zahlen. „Und dabei wurde uns bei der Öffnung der Straße versprochen, dass es keine Durchgangsstraße geben würde“, erinnert sich Marie Luise Dietrich, „und der übrige Verkehr sollte sich auf die Humboldt-, die Fichte und die Uhlandstraße verteilen“.

Mit diesem Anliegen seien die Nachbarn, wie sie erklären, immer wieder beim Rathaus vorstellig geworden. Man habe Ideen eingebracht, beispielsweise ein eindeutiges Durchfahrtverbot, Verkehrshindernisse wie Schwellen oder die „Kölner Teller“, die den Verkehr ausbremsen sollen, oder die einer Eibahnstraßenregelung, um zumindest eine Halbierung der Verkehrszahlen zu erreichen.

„Wir haben im besten Fall Versprechungen gemacht bekommen, aber passiert ist tatsächlich so gut wie nichts“ bilanziert Maurer die Situation. Und die Anwohner der Straße fürchten, dass mit der aktuellen Verkehrsbelastung, die gefühlt seit 2016 noch angestiegen sei, das Ende der Fahnenstange nicht erreicht sei. Immerhin werden die Pflege Schönau und die Kommune noch mehrere Wohnblocks dort errichten.

Kampf gegen Windmühlen?

„Von der oft gerühmten frühen Bürgerbeteiligung ist da wenig zu spüren“, kritisiert Marie Luise Dietrich. Im Gegenteil, sie wirft der Gemeindeverwaltung eine Hinhaltetaktik vor, die auch schon zu fruchten scheine, denn „ich habe inzwischen wirklich keine Nerven mehr, mich immer und immer wieder in diesem Kampf gegen Windmühlenflügel zu engagieren – wir werden mit unseren Problemen einfach nicht ernstgenommen“.

Darauf angesprochen, weist Bürgermeister Dr. Ralf Göck die Vorwürfe von sich. Man habe zahlreiche Gespräche geführt, die Probleme erörtert. Dabei seien auch sehr wohl die Vorschläge der Anwohner beachtet worden, allerdings habe sich vieles als nicht umsetzbar oder sinnvoll erwiesen. „Es geht ja nicht darum, die Verkehrsströme in andere Straßen umzuleiten“, so der Rathauschef. Gutachten hätten gezeigt, dass sich der Verkehr tatsächlich – fast genau wie zuvor berechnet – auf die drei Zufahrtsstraßen verteilten. „Aber was sollen wir beim Duchgangsverkehr machen? Sollen wir den Leuten verbieten durch die Humboldtstraße zu fahren?“, fragt Göck.

Man habe mit den Verschwenkungen in der Straße und der aufgesetzten Verkehrsinsel an der Ecke zur Schütte-Lanz-Straße Maßnahmen ergriffen, um die Durchfahrt unattraktiver zu machen und Geschwindigkeit aus der Tempo-30-Zone herauszunehmen. Die Werte bei der Anzahl der Fahrzeuge und der gefahrenen Geschwindigkeit, so zeigt ein Gutachten, entsprechen denen, die man der Charakteristik als Wohn- und Erschließungsstraße erwarten kann.

Durchaus Verständnis

„Wir haben durchaus Verständnis, die Verkehrssituation in der Humboldtstraße hat sich gegenüber der Zeit vor der Erschließung selbstverständlich verändert. Die Anwohner hatten viele Jahre eine idyllische Ruhe, von der viele Bürger träumen und haben jetzt ähnlich viel Verkehr wie in manch anderer Ortsstraße“, sagt Göck.

Er betont, dass in diesen drei Jahrzehnten aber klar gewesen sei, dass das Idyll von begrenzter Dauer ist. „Schon damals wurde die Humboldtstraße so vorbereitet, dass sie ohne große Tiefbaumaßnahmen als Erschließungsstraße für das Neubaugebiet umgestaltet werden konnte. Es war also keine Überraschung“, so Göck.

Er betont, die Gemeinde habe aktuell alles unternommen, um dort keine wirklich große Verkehrsbelastung entstehen zu lassen. „Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir erst einmal abwarten müssen, wie sich die Situation entwickelt – wenn die Bebauung im Bäumelweg-Nord abgeschlossen ist, dann werden wir wieder analysieren und gegebenenfalls reagieren“, sagt Göck, „wir sind jedenfalls – wie bisher auch schon – gesprächsbereit.“

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