Brühl

Ortsgeschichte Vor einem halben Jahrhundert zog die Selbstbedienung im Ort ein / Neues Verkaufskonzept fasste bereits 20 Jahre zuvor in Deutschland Fuß

Als der Kunde in die Regale greifen sollte

Archivartikel

Brühl.„Ich bin im Grunde ins Geschäft hineingeboren worden“, antwortet Willi Kappes auf die Frage, wie er Einzelhändler geworden ist. Bis Anfang der 1990er Jahre betrieb er den kleinen Edeka-Markt in der Mannheimer Straße – in dem Gebäude, in dem seine Großeltern Jakob und Marie Beißlänger bereits 1912 eine kleinere Bäckerei eröffnet haben. Noch heute lebt der inzwischen 82-Jährige in diesem Haus.

Anfang der 1950er wurde das Sortiment der Brühler Bäckerei um einige Lebensmittel erweitert. Das war die Zeit, als in Deutschland die ersten Selbstbedienungs-Supermärkte eingerichtet wurden. „Aber wir haben damals noch über die Theke hinweg verkauft – wie alle hier im Ort“, erinnert sich Kappes. Damals gab es noch zahlreiche Geschäfte in Brühl.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg fand der Einkauf auch in den Städten vornehmlich in Tante-Emma-Läden oder in kleinen Bäckereien und Metzgereien statt. Butter, Mehl, Zucker und Salz – all das wurden an der Theke geordert. Im beschaulichen Brühl sollte die Veränderung zum SB-Einkauf noch länger dauern.

Auf Selbstbedienung umgestellt hat Wilhelm, Vater von Willi Kappes, erst vor 50 Jahren. „Da haben wir das Geschäft auf eine Fläche von 200 Quadratmetern erweitert“, berichtet der Händler noch heute stolz. Aus dem kleinen Laden wurde ein Edeka-Supermarkt mit Bäckerei.

War die Selbstbedienung eine große Umgewöhnung für die Kunden? „Nein, wir waren ja nicht die Ersten hier im Ort“, sagt Kappes. Drei Häuser weiter Richtung Norden war der Sparmarkt Bernauer schon einige Monate früher auf den Zug der Zeit aufgesprungen und hat neu gebaut. Die revolutionäre Einkaufsidee stammte aus den USA. In Memphis im Bundesstaat Tennessee hatten bereits 1916 erste Märkte ihrer Kundschaft Selbstbedienung angeboten. Im Supermarkt „Piggly Wiggly“ gab es anstelle einer Verkaufstheke plötzlich Regale, aus denen Kunden Waren selber entnehmen konnten. Ein Konzept, das zunächst eher misstrauisch beäugt wurde.

Persönlicher Kontakt war wichtig

Auch als vor 70 Jahren in Deutschland die Kunden durch die Regalreihen gehen und ihren Einkaufswagen selbst füllen sollten, tun sie sich schwer mit der neuen Art des Einkaufens. Außerdem wurde das Schwätzchen über die Theke oft vermisst. „Nicht bei uns“, sagt Kappes im Gespräch mit unserer Zeitung, „das ging ja an der Brottheke weiter und bei der Gemüsetheke – und natürlich an der Kasse. Da war für unsere Verkäuferinnen immer Zeit für ein Gespräch mit dem Kunden“. Und genau dieser ganz persönliche Kundenkontakt war Kappes immer besonders wichtig, „da sind die Kontakte von den Großeltern über die Eltern auf uns übergegangen“, sagt er, „man kannte sich im Ort“. Durch die Konzentration in der Lebensmittelbranche auf wenige große Händler wurde seit den 1960er Jahren das Sterben der Tante-Emma-Läden eingeläutet.

Vor 50 Jahren trifft auch in Brühl die Idee des SB-Supermarkts ein. Die beiden Nachbarhäuser in der Mannheimer Straße werden zum Einkaufsmekka. Die Geschäftsflächen sind im Vergleich zu heutigen Märkten eher winzig, die Regale sind eng nebeneinander und teilweise verwinkelt aufgebaut. Aber die Kunden kommen und kaufen. „Auch weil hier rechts und links noch die anderen Geschäfte waren – eine Apotheke, der Metzger gegenüber, Bekleidungs- und Schreibwarengeschäfte. Es war ja alles rundum da“, beschreibt Kappes im Gespräch die Situation im Ortsmittelpunkt der immer weiter wachsenden Hufeisengemeinde.

Anfang der 1970er Jahre gingen die ersten Supermärkte auf die grüne Wiese. Die Verkaufsflächen und das Angebot wurden größer, es gab jede Menge Parkplätze. Die Händler entsprachen damit den geänderten Lebensgewohnheiten der Menschen: Die Deutschen wurden mobiler und konnten sich mehr leisten. Sie wollten mit dem Auto bequem bis vor die Supermarkt-Tür fahren und gleich für die ganze Woche einkaufen. In Brühl entstand „Plaza“ – heute der Realmarkt – in Talhaus „Massa“. Da seien die Kunden plötzlich hingeströmt, fasst Kappes, der das Geschäft 1991 als 55-Jähriger von seinem Vater übernommen hatte, die Situation zusammen.

Kunden wandern ab

„Zu uns kamen sie nur noch, wenn sie in den großen Märkten etwas vergessen hatten“, erklärt er die Entscheidung, Mitte der 1990er Jahre das Geschäft zu schließen. „Damals haben es alle bedauert und gejammert – wenn die alle, die dann plötzlich gesagt haben, sie hätten immer so gern bei uns eingekauft, wirklich Kunden gewesen wären, hätten wir nicht schließen müssen“, meint er noch immer enttäuscht. Man hätte damals viel Geld in die Modernisierung des Geschäfts stecken müssen – das war unrentabel, „ich hätte mich da für die Investitionen als Mittfünfziger zu hoch verschulden müssen – das wollte ich nicht“. Und dann war da noch die Entwicklung der Öffnungszeiten, die damals schon losgetreten wurde. „Inzwischen kann rund um die Uhr eingekauft werden – jetzt haben wir den Salat.“ Bei Kappes war um 18.30 Uhr Schluss und mittwochsnachmittags war geschlossen – das klappte auch.

So warf Kappes als 57-Jährige das Handtuch, beendete die 80-jährige Einzelhändlertradition seiner Familie und ging zur Bäko, dem Fachgroßhandel für Bäckereien und Konditoreien in Edingen-Neckarhausen.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional