Brühl

Lesetipp Dagmar Krebaum und Barbara Hennl-Goll empfehlen die Bücher „Der Totentanz von Beram“ und „Vivaldi und seine Töchter“

Diese Geschichten führen nach Kroatien und Venedig

Brühl.Lesen ist eine der wertvollsten Gewohnheiten, die man ausführen kann, sind sich die beiden vom literarischen Duett – Dagmar Krebaum und Barbara Hennl-Goll – einig. Wenn man lese, tauche man in eine andere Welt ab. Die Gedanken werden entfesselt, das Bewusstsein erweitert. Der Lesende lernt dazu, wird unterhalten oder schafft es, für einen kurzen Moment aus der Realität auszubrechen. Das literarische Duett aus Brühl hat deshalb für jüngere Leser zwei Tipps parat.

Helmut Orpel, Schriftsteller und Kunsthistoriker, bekannt durch Kunstkrimis, aber auch durch unzählige profunde Einführungen in Kunstausstellungen in der Villa Meixner beispielsweise, hat mit „Der Totentanz von Beram“ einen neuen Kunstkrimi veröffentlicht. Es gibt ein Wiedersehen mit Dr. Romeo Pöstges („Tintorettos Geheimnis“ und „König von Burgund“), der jahrelang für das Mannheimer Schlossmuseum arbeitete und vergeblich auf die Leitung desselben spekulierte. Er ist in Basel, der Stadt seiner Studienjahre.

Einfluss des Todes

Er hatte an der Neueinrichtung der Totentanzkapelle im Barfüßermuseum mitgewirkt und sollte an der weiteren Forschung verschiedener Totentanz-Zyklen mitarbeiten – zum Beispiel an einem in Istrien/Kroatien, in einer Wallfahrtskirche in Beram aus dem Jahre 1474. Man erfährt viel Interessantes über unterschiedliche Deutungen dieser Bildzyklen, die den Einfluss des Todes auf das Leben der Menschen darstellen. Die Ermordung des Holzsammlers Mario Segattini zeigt, so Pöstges, dass es „Totentänze auch bei uns“ gibt.

Bei dieser Mordermittlung lernt Pöstges die leitende Kommissarin Jagoda Jugavac kennen, wodurch er neben seiner kunsthistorischen Aufgabe immer mehr in die Aufklärung des Kriminalfalles hineingezogen wird. Der Balkankrieg, seine Auswirkungen in den verschiedenen Biografien, die Armut und die wirtschaftlichen Probleme der Region, hemmungsloses Streben nach Reichtum ohne Rücksicht auf die Natur, Wirtschaftsverbrechen verbunden mit Korruption, aber auch die schöne Landschaft Istriens, genussvolles Essen, köstliche Weine ziehen einem in diesen spannenden Roman bis zur Aufklärung der Verbrechen. Man verschlingt dieses Buch mit großem Genuss und er macht Lust, diese Wallfahrtskirche Maria im Fels in Beram zu besuchen – natürlich ohne kriminelle Verwicklungen!

Peter Schneider gelingt in seinem neuen Roman „Vivaldi und seine Töchter“ (Kiepenheuer & Witsch, 20 Euro) eine gekonnte Mischung aus Zeitgeschichte, Erzählung, Recherche und Fantasie. Man kann es sich kaum vorstellen, aber Antonio Vivaldi, dessen Komposition „Die vier Jahreszeiten“ heute das weltweit meistgespielte Stück klassischer Musik ist, war fast 200 Jahre lang komplett vergessen. Der Geigenvirtuose und Komponist Vivaldi war im Venedig des frühen 18. Jahrhunderts ein gefeierter Star. Zudem war er – auf Wunsch seiner Mutter bereits mit 15 Jahren zum Priester geweiht – der Gründer eines Mädchenorchesters in einem katholischen Waisenheim für unverheiratete junge Frauen in Venedig, dem „Ospedale della Pietà“, aus dem das erste Frauenorchester Europas hervorging.

In diesem „Ospedale“, das heute noch steht, entstand ein Großteil von Vivaldis Instrumentalkompositionen und er schrieb sie für Musikerinnen und führte sie mit ihnen auf. In diesen Gemäuern beginnt auch die besondere Beziehung zu den Halbschwestern Paolina und seiner Schülerin und Primadonna Anna Giró, platonische Liebe oder amouröses Abenteuer bleibt offen. Die drei werden ein Team, reisen zusammen von einem europäischen Fürstenhof zum anderen und übernehmen mehr und mehr auch die Rollen als Managerinnen – bis zu seinem Tod.

Anschauliches Bild des Barock

Vor unseren Augen erscheint ein anschauliches Bild des barocken Venedig, in dem Antonio Vivaldi seine Triumphe feierte. Immer wieder unterbricht Schneider seine Erzählung, um zu berichten, wie er Archive besuchte, zitiert historische Berichte, blendet auch immer wieder Gespräche ein, die er mit dem 84-jährigen Archivar der Pietà geführt hat. Auch die Geschichte der Wiederentdeckung von 50 Kompositionen durch Salesianermönche aus Montferrat 1926 wird erzählt.

Peter Schneider ist ein geradezu genialer Musikerzähler. Ihm, Sohn eines Professors für Musikpädagogik, in dessen Orchester er bereits als junger Mann bei den zweiten Geigern mitspielte, ist eine packende Romanbiografie gelungen. Man liest sie mit Vergnügen und mit einem Lächeln. zg/ras

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