Brühl

Faktencheck Kleine Blutsauger übertragen unter Umständen Krankheiten an den gebissenen Menschen / Über Haustiere können sie in die Wohnung gelangen

„Es gibt keinen Grund für Zecken-Panik“

Archivartikel

Brühl.Während der Beschränkungen in der Corona-Krise drängt es mehr Menschen denn je in die Natur und zum Spazierengehen. Doch dieses Vergnügen ist ein wenig getrübt, denn auch in den Wiesen rund um Brühl lauert eine krabbelnde Gefahr. Zecken sind bei dem fast schon sommerlichen Wetter der vergangenen Wochen schon längst aktiv.

Wann ist für Zecken normalerweise Saison?

Zecken haben gewöhnlich von April bis Ende Oktober Hochsaison. Bei milden Temperaturen wie in diesem Frühjahr werden die Zecken aber auch früher aktiv. Dann beenden sie ihre Winterstarre und machen sich auf die Suche nach einem Blutspender. Die kleinen Spinnentiere sitzen im Unterholz oder Gras. Mit einem Biss können sie unter Umständen schwere Erkrankungen übertragen.

Welche Krankheiten sind das, die durch den Zeckenbiss übertragen werden?

Trägt eine Zecke Borrelien in sich, können diese beim Biss ins Blut abgegeben werden. Jährlich infizieren sich so schätzungsweise 65 000 Menschen in Deutschland mit Borrelien. Die Infektion, könne – wird sie früh erkannt – antibiotisch gut behandelt werden, erklärt der Brühler Arzt Dr. Axel Sutter. Außerdem könnten die Spinnentiere Frühsommer-Meningoenzephalitis-Viren (FSME) übertragen, die im Extremfall auch zum Tod führen können. Setzt sich eine Zecke an der Haut ihres Opfers fest, kann sie mit dem Speichel sogenannte Flaviviren übertragen und die Krankheit auslösen. Die Folge kann eine Entzündung der Hirnhaut, des Gehirns oder des Rückenmarks sein. „Allerdings bricht die Erkrankung bei nur fünf Prozent der Menschen, die von einer FSME-Viren tragenden Zecke gebissen werden, selbst mit leichten Krankheitssymptome tatsächlich aus – die weitaus meisten Menschen merken den Virus nicht“, rät Sutter von übertriebener Zecken-Panik ab, vor allem, weil nur ein Teil der Zecken auch infiziert ist. Dennoch: Wen es treffe, der werde schwer krank.

Was hilft als Schutz gegen Zecken?

Es könne schon helfen, in Zeckengebieten nicht barfuß oder mit blanken Waden durchs hohe Gras zu gehen, erklärt Dr. Axel Sutter. Lange Bekleidung an Armen und Beinen könne die Zecken auf ihrem Weg auf die Haut aufhalten. Doch 100-prozentigen Schutz gebe es nicht. Findet eine Zecke eine passende Umgebung am menschlichen Körper, nistet sie sich ein und beißt zu. Insektenschutzmittel für die Haut böten laut Sutter eher keinen wirksamen Schutz.

Wird deshalb eine Impfung gegen FSME empfohlen?

Dr. Ulrich Schnepf, Brühler Facharzt für Allgemeinmedizin, meint dazu, dass eine Impfung zuverlässig vor einer Ansteckung mit dieser Krankheit schütze. Vor allem in FSME-Risikogebieten – dazu gehört der Rhein-Neckar-Kreis – rät er zur FSME-Schutzimpfung. So werde in Baden-Württemberg die Impfung vom Robert-Koch-Institut empfohlen und auch von den Krankenkassen bezahlt, sagt Sutter. Menschen von über 60 Jahren können die Impfung alle drei Jahre bekommen, jüngere alle fünf Jahre. Es gebe auch spezielle Impfstoffe für Kinder. Gegen Borreliose-Bakterien hilft die Impfung nicht, so Schnepf.

Wie erkennt man, ob eine Zecke eine Krankheit übertragen hat?

Mit bloßem Auge ist eine Infektion nicht immer zuverlässig zu erkennen. Doch nicht jeder Zeckenbiss berge eine gesundheitliche Gefahr, weshalb man nicht bei jeder Zecke zum Antibiotikum greife, betont Dr. Ulrich Schnepf. Eine ringförmige Hautrötung einige Tage bis Wochen später könne aber auf eine Infektion hinweisen. Eine Blutuntersuchung kläre dann ab, ob es sich um eine Borreliose handelt. Diese lasse sich mit Medikamenten behandeln. Bleibt die Erkrankung jedoch unentdeckt, können auch noch Monate oder Jahre später ernstzunehmende Symptome auftreten, fügt sein Kollege Dr. Axel Sutter hinzu.

Steigern sich Corona- und Zeckengefahr gegenseitig in der Gefährlichkeit?

Eine Übertragung des Coronavirus durch einen Zeckenstich hält der Mediziner Dr. Ulrich Schnepf für unwahrscheinlich. Grippeähnliche Symptome seien dann eher auf eine Infektion mit FSME zurückzuführen. Auch erhöhe sich durch einen Zeckenstich nicht die Gefahr, empfänglicher für den Coronavirus zu werden. „Ein Zeckenstich allein schwächt unser Immunsystem nicht so weit, dass wir deshalb anfälliger für den Coronavirus sind“, meint er.

Können Zecken von Haustieren in die Wohnung eingeschleppt werden?

Die Zecken liefen teilweise bis zu 20 Stunden auf Hunden und Katzen herum, bevor sie anfangen würden, zu saugen, erklärt die Brühler Tierärztin Annette Kühn. So können die Haustiere Zecken ins Haus bringen und beispielsweise auf Teppichen oder dem Sofa abstreifen, wo sie dann zu den Menschen finden können. In Bezug auf die zugewanderte braune Hundezecke Rhipicephalus sagt sie zudem, dass diese Zeckenart – anders als einheimische Arten – in Wohnungen und Häusern sogar brüten und sich dort zu einer echten Plage entwickeln kann. „Deswegen ist es wichtig, dass die Zecken gar nicht erst ins Haus kommen“, betont Kühn.

Was kann man machen, damit Hunde oder Katzen die Zecken nicht einschleppen?

„Wir empfehlen ein Mittel, dass die Zecken auf den Haustieren schon beim Kontakt abtötet und nicht erst, wenn sie gebissen haben“, sagt Annette Kühn. Solche Mittel können als Lösung zum Auftropfen (Spot-on), in Tablettenform oder als Schutzhalsband verabreicht werden. Letzteres sieht Kühn allerdings kritisch, weil der Kontaktstoff über die Haare des Tieres auch an den Menschen weitergegeben werden könne, sagt die Tierärztin.

Können Haustiere Borreliose oder FSME bekommen?

Hunde können von Zecken mit Borrelien infiziert werden. Daher rät Annette Kühn aus ihrer Erfahrung zur Impfung. Das sei für Katzen nicht nötig. FSME trete bei beiden nicht auf.

Info: Ein Video gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

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