Brühl

Naturschutzgebiet Wiesenwirt Fritz Fichtner führt während zweier Radtouren durch die Schwetzinger Wiesen / Aus neuer Perspektive betrachtet

Großer Schatz vor der eigenen Haustür

Archivartikel

Brühl.„Briehl hot net viel, awwa e Miehl, un selbschd die geheert net Briehl.“ So zitierte Wiesenwirt Fritz Fichtner ein Brühler Sprichwort und deutete auf die Stelle, wo zu früheren Zeiten mal eine Mühle gestanden hatte. Dass man sich nämlich nicht im Brühler Gebiet, sondern in Schwetzingen aufhielt, war nur eine Besonderheit, die er den interessierten Teilnehmern am Samstag bei der gut zweistündigen heimatkundlichen Radtour durch die Schwetzinger Wiesen näherbrachte.

Die erste Radtour um 10 Uhr war mit 20 Teilnehmern schnell ausgebucht. Auch zur zweiten Runde um 14 Uhr fanden sich zahlreiche Radler mit ihren Vehikeln auf dem Fichtner’schen Anwesen ein. Der Spätsommer zeigte mit wolkenlosem Himmel und Sonnenschein seine schönste Seite. Im historisch dekorierten Hof begrüßte Dr. Volker Kronemayer, Vorstandsmitglied des Vereins für Heimat- und Brauchtumspflege, die Teilnehmer. Er selbst bestätigte nach der Radtour am Morgen, er sehe die Schwetzinger Wiesen jetzt mit ganz anderen Augen.

Auch Gundula Sprenger von der Volkshochschule Bezirk Schwetzingen ließ es sich nicht nehmen, sich das Naturschutzgebiet aus einer anderen Perspektive zeigen zu lassen. Die 58-Jährige lebt seit 2004 in Schwetzingen. „Ich bin sehr gerne in den Schwetzinger Wiesen. Ich will einfach wissen, wo ich vorbei radele oder spaziere. Außerdem interessiert mich das Wassersystem sehr.“

VHS und Badische Heimat

Die VHS hatte in Kooperation mit der Badischen Heimat (Sektion Schwetzingen/Hockenheim) die Radtour ins Leben gerufen. Gestartet wurde am alten Wiesenhüterhaus, entlang des Be- und Entwässerungssystems und über Dämme geradelt, vorbei an den Rohrwiesen. 10 000 stattliche Meter Gräben wurden für dieses Entwässerungssystem von Hand ausgehoben, von denen 5000 Meter noch immer vom Wasser- und Bodenverband Schwetzingen gepflegt werden. Fichtner führte die Teilnehmergruppe, nebst Hund Maja, zur Rhein-Schleuse und weiter zur Mittelschleuse des Schneckengrabens. Über seinen persönlichen Lieblingsplatz geriet er ins Schwärmen: „Wenn ich hier um 6 Uhr in der Früh stehe und sehe, wie die Sonne über dem Königstuhl aufgeht . . .“

An der Mündung, wo der 38 Kilometer lange Leimbach in den Rhein fließt, gab es einen weiteren kurzen Halt. Hier baute einst die Firma Volk den Kies ab, mit dem die Schwetzinger Autobahn errichtet wurde. So entstand der erste See des idyllischen Naturschutzgebiets. „Als ich 1963 hierherkam, war das alles noch Ackerland. Da wurden noch Matten aus dem Schilf gemacht“, erinnerte sich Fichtner. Sein Vater Albert, bekannt als Owwerkerweborscht, war selbst 40 Jahre Wiesenschütz und hat zahlreiche Veränderungen des Gebietes miterlebt.

Die Tour führte weiter zur Edinger Gemarkung, an die wichtigste Schleuse, über die das Wasser bei Überflutungen abgeleitet wird. „Haschd’ die Schleus uff?“, wird Fichtner nach jeder Überflutung von den Landwirten gefragt. Er zeigte auf die Schleuse, hinter der abgesenkt der Rhein fließt. „Schwetzingen hat gar keinen Zugang zum Rhein. Dazwischen liegt nämlich Edingen-Neckarhausen“, erklärte er.

Hohes Engagement

Es ist spürbar: Fichtner, von der Stadt Schwetzingen stundenweise für seine Tätigkeit angestellt, liebt die Schwetzinger Wiesen. Diese Begeisterung teilt auch Reimer Schölermann (63). Der Schriftwart des Heimatvereins Brühl legte die holprige Gelände-Tour auf seinem Liegerad zurück. „Die Leimbachroute ist meine Lieblingsstrecke. Ich bin sie schon mehrmals vom Rhein bis nach Hoffenheim mit dem Liegerad gefahren“, berichtete er.

Zurück auf dem Anwesen in der Mühlgasse werden die Teilnehmer mit Kaffee, Kuchen und Erfrischungsgetränken empfangen. Fritz Fichtner freute sich über die überwältigende Resonanz seiner Führungen und die Möglichkeit, der Bevölkerung gezeigt zu haben, welch schönes Kleinod man hier vor der Tür hat. „Selbst Ur-Brühler kannten viele Teile der Strecke nicht und haben zuvor nie den Schatz gesehen, der hier vor uns liegt.“ Er wird allerdings auch immer wieder vor große Herausforderungen gestellt. „Die Naturschutzbehörde macht uns das Leben schwer. Wir müssen sehr hohe Auflagen erfüllen. Man könnte so viele Ressourcen sparen, würde man mehr Hand in Hand arbeiten“, klagte er.

So musste Fischer beispielsweise, um eine Hecke schneiden zu dürfen, Einzelgutachten zu jedem Baum erstellen lassen. „Als im Frühjahr der Damm brach und wieder neu aufgefüllt werden musste, war dies mit vielen Genehmigungsauflagen verbunden.“ Sein Appell: „Den Verstand walten lassen beim Naturschutz. Die Bevölkerung soll mit ins Boot genommen werden und das Kulturgebiet, das wir hier vor der Haustür haben, sollte für alle nutzbar sein.“

Info: Weitere Bilder gibt’s unter www.schwetzinger-zeitung.de

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