Brühl

Katholische Kirche Frauengemeinschaft bindet für den Gottesdienst an Maria Himmelfahrt ganz besondere Kräutersträußchen

Königskerzen fürs lange Leben

Brühl.Wenn sich die Mitglieder der katholischen Frauengemeinschaft Brühl (kfd) zur Kräuterweihe treffen, wird alte Tradition gelebt. Denn "seit über tausend Jahren werden an Maria Himmelfahrt Heilkräuter mit zum Gottesdienst gebracht", erzählt Pfarrer Erwin Bertsch im Gespräch mit unserer Zeitung. Maria Aufnahme in den Himmel ist in der römisch-katholischen Kirche ein Hochfest und wird jedes Jahr am 15. August gefeiert.

Dem christlichen Brauch aus dem neunten Jahrhundert folgend, binden die Mitglieder der Frauengemeinschaft die zuvor auf den Wiesen in der und um die Gemeinde gesammelten Kräuter zu kleinen Sträußchen zusammen. "Aus Rosmarin und Thymian, Lavendel, Schafgarbe, Johanniskraut, Salbei, Pfefferminz, Königskerze und Wermut entstehen so in fleißiger Handarbeit bis zu 120 Kräutersträußchen", sagt Gerda Gaisbauer, Sprecherin der Frauengemeinschaft, auf unsere Nachfrage.

Die Kräuter spielten einst im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Der Zeitraum zwischen Maria Himmelfahrt und dem 15. September wurde früher auch "Frauendreißiger" genannt. In dieser Zeit haben die Heilkräuter besonders viele Inhaltsstoffe, heißt es. Daher wurden in diesem Zeitraum von Frauen alle die Heilkräuter gesammelt, die sie brauchten, um die Familie mit Heilmitteln, vor allem durch die kalte Jahreszeit hindurch, zu versorgen.

Schon aus vorchristlicher Zeit

Und so erfüllt bei der Arbeit der Frauengemeinschaft auch ein würziges Aroma die Luft. Sind alle Sträußchen fertig geknüpft, werden sie von Pfarrer Bertsch an Maria Himmelfahrt gesegnet. "Die Heilkraft der Kräuter soll durch die Fürbitte der Kirche dem ganzen Menschen zum Heil dienen. Dieses Heil ist an Maria besonders deutlich geworden", erklärt der katholische Seelsorger den kirchlichen Hintergrund des Brauchtums.

Überlieferung des Johannes

Diese Deutungshoheit der Kräutersträuße ist ein raffinierter Trick der Christen, denn Heilkräuter wurden schon in vorchristlicher Zeit den Göttern geopfert - als Dank für deren Schutz und für die Heilkraft der Kräuter. Als die christlichen Missionare begannen die Menschen zu bekehren, wurde die Kräuterweihe verboten, sie galt zunächst als Hexenwerk. Das Volk jedoch achtete nicht auf dieses kirchliche Verbot. Daher machten es die Kirchenleute so, wie in vielen Bereichen auch: Der 15. August wurde Maria geweiht und ihrem Aufstieg in den Himmel.

Seinen Ursprung hat die Kräuterweihe seitdem in der Geschichte um die Auferstehung Marias und geht vermutlich auf die Überlieferung des Kirchenvaters Johannes von Damaskus zurück. Demnach fanden am dritten Tag die Apostel beim Besuch der Grabstätte statt des Leichnams der Gottesmutter eine Fülle an Lilien und Rosen vor. Um das Grab, so die Legende, blühten die Heilkräuter, die die Mutter Jesu zu Lebzeiten so geliebt hatte. Schon wurde aus dem heidnischen Brauch, diese Kräuter zu verehren, ein christlicher.

Dabei steht für die römisch-katholische Kirche das Brauchtum vor allem für die Achtung vor der Schöpfung und die Heilkraft der Kräuter als Symbol für die Zuwendung Gottes zu den Menschen. "Mit den Blumen bringen wir die Schönheit der Schöpfung in den Gottesdienst, der so zu einem sommerlichen Fest der Freude wird", so Bertsch.

Schutz vor allerlei Plagen

Schützen sollen die geweihten Kräutersträußchen, die nach dem Gottesdienst am 19. August um 18 Uhr in der St. Michael Kirche in Rohrhof verteilt werden, vor Krankheit und Unwetter. Aber auch für üppige Ernten, Glück, Liebe sowie Kraft und Frieden sollen sie gut sein - immer auch abhängig von den einzelnen Kräutern, die dafür verwendet werden.

Deshalb hatten und haben die Kräuter ihre jeweils ganz eigene Bedeutung. Die Königskerze verehrten bereits die alten Germanen bei ihren Sonnwendfeiern. Im Christentum wurde der obere blühende Teil als Weihwasserwedel verwendet und bildet als "Marienkerze" meistens die Mitte des Kräuterbüschels zu Maria Himmelfahrt. Sie ist Symbol für ein langes Leben.

Kraft für dunkle Tage gespeichert

Und wie kaum eine andere Pflanze wird das Johanniskraut mit der Sonne assoziiert, dessen Kraft sie an den längsten Tagen des Jahres aufnimmt, um sie in den dunkleren Tagen des Winters an die Menschen abzugeben. Auf diese Weise soll es Frohsinn schenken.

Gerda Gaisbauer weiß schon genau, was sie mit ihrem neuen Kräutersträußchen machen wird. Platziert im Wohnzimmer soll er das Haus und seine Bewohner vor Unheil schützen und das Glück anlocken. Denn der Strauß vom vergangenen Jahr ist dann doch schon ziemlich ausgetrocknet.

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