Brühl

Lesetipp Debüt „Streulicht“ von Deniz Ohde / Aufsteigergeschichte erhält vielfaches Lob / Lebendige Porträts der Figuren

Roman mit migrantischen Erfahrungen

Archivartikel

Brühl.Nicht nur beim literarischen Duett – Dagmar Krebaum und Barbara Hennl-Goll – erntet die Autorin Deniz Ohde mit ihrem neuen Buch viel Lob. Es gelang ihr auch mit ihrem ersten Roman „Streulicht“ der Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020, dessen Sieger am 12. Oktober bekannt gegeben wird.

Die Autorin wurde 1988 in Frankfurt geboren, lebt heute in Leipzig. Ohde erzählt in ihrem Debütroman eine tieftraurige Aufsteigergeschichte. Wenn Lichtstrahlen durch Staubpartikel oder andere kleine Teilchen wie die viel diskutierten Aerosole gebrochen werden, entsteht ein diffuses „Streulicht“, das gerade in Dämmerstunden unheimlich wirkt. Vor allem in der Nähe von Industrieanlagen ist das Phänomen zu beobachten. Den Titel kann man auch als literarisches Programm verstehen. Die namenlose Erzählstimme streift im Nebel ihrer schmerzhaften Erinnerung umher, nähert sich großen und kleinen Bruchstücken ihrer Vergangenheit, und sieht Zusammenhänge. Kindheit und Jugend sind von Lieblosigkeiten und ästhetischen Zumutungen, von biografischer Zerrissenheit und dem Gefühl geprägt, bloß nicht aufzufallen.

Gutscheine für die Autowäsche

Der Vater, ein Mann der Arbeiterklasse, er „tunkte vierzig Jahre Aluminiumbleche in Laugen, vierzig Stunden die Woche. Die Mutter aus der Türkei vor Armut und Eintönigkeit „in einem 500-Seelen-Dorf an der Schwarzmeerküste“ geflohen. Die Familie lebt seit den 1980er Jahren in einer kleinen Wohnung, die unweit eines großen Industrieparks liegt, dessen Schornsteine Salzkristalle und andere chemische Nebenprodukte in den Himmel pusten.

Wenn der Schmutz in der Luft überhandnimmt, „bekommen die Bewohner Gutscheine für die Autowäsche“. Im Haus wohnt auch der Großvater, der kaum etwas sieht, die Bombennächte im Weltkrieg aber immer noch zu durchleben scheint. Ohnehin leben alle mehr oder weniger für sich in dieser Familie, nicht einmal die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen. „Es gab nichts zu erleben bei mir zu Hause“, sagt die Erzählerin. Im Hinterhof spielt sie mit Sophia, die ein paar Straßen entfernt im gutbürgerlichen Teil des Ortes aufwächst.

Sie ist die Gegenfigur: ein Mädchen wie aus dem Bilderbuch. Den türkischen Namen, der an die Herkunft der Mutter erinnert, verheimlicht sie. Weil die Familie keinen Halt bietet, weil die Mutter in einem Märchenton ihre Herkunft schönredet, der Vater die Tochter kleinredet, statt sie aufzubauen, weil sich die Eltern nicht mit dem alltäglichen Rassismus und den Demütigungen beschäftigen wollen, die ein Arbeiterkind auf dem Gymnasium zu erleiden hat, weil die Mutter bald stirbt und der Vater sich daraufhin vollends zum Messie entwickelt, scheint der Weg vorgezeichnet zu sein. Doch es gibt einen Kipppunkt, als sie eine Abendschule besucht, eine Lehrerin ihr Mut macht. Sie kämpft sich zum Abitur, wird Einserschülerin, möchte studieren.

Der Autorin gelingt ein Roman über ein Sujet, das in der deutschen Literatur – im Unterschied zum Beispiel zur französischen mit Didier Eribons großem und heftig diskutierten Erfolg „Rückkehr nach Reims“ – nur selten zur Sprache kommt: die Klassengesellschaft.

Lebendig machen den Roman die vielen, mit dem genauen Blick der Außenseiterin gesehenen Porträts von Figuren. Es ist ein Bildungsroman, angereichert mit migrantischen Erfahrungen.

„Ohde schreibt mit bestechender Klarheit über einen Teil der Gesellschaft, der sonst viel zu selten zu Wort kommt“, schreibt die Jury für den Deutschen Buchpreis in ihrer Begründung. zg

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