Brühl

Im Porträt Ratsschreiber erforschte die Heimatgeschichte / Zahlreiche Funde aus dem Boden geborgen / Vor 55 Jahren verschwanden viele Stücke seiner Sammlung

Schnepf war der Indiana Jones der Gemeinde

Archivartikel

Brühl.Kaum waren die Fluten bei einem Rheinhochwasser wieder in das Flussbett zurückgekehrt, da sah man Ludwig Schnepf mit seinem Spaten in die Aue gehen. Den Ratsschreiber aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte eine Leidenschaft gepackt: Das historische Erbe der Hufeisengemeinde dem Boden zu entreißen. Schnepf war Hobbyarchäologe und erwarb sich mit seinem unermüdlichen Schaffen sogar Meriten in Wissenschaftskreisen. Doch all das, was der Jäger verborgener Schätze so engagiert zusammengetragen hat, verschwand vor 55 Jahren irgendwo in den Asservatenkammern des Reiß-Engelhorn-Museums. Nur wenige Exponate tauchten nach gründlicher Recherche des Heimatvereins zur 850-Jahr-Feier der Gemeinde 2007 wieder auf.

Heute würde man sagen, Schnepf war ein Raubgräber, denn derjenige, der keine Genehmigung vom zuständigen Regierungspräsidium hat oder gegen Auflagen in einer solchen Genehmigung verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, was mit einer Geldbuße in empfindlicher Höhe geahndet werden kann. Der „Raubgräber“, der einen Bodenfund an sich nimmt, kann sich sogar wegen Fundunterschlagung gemäß Strafgesetzbuch strafbar machen.

Ausstellung im „Karpfen“

Doch als Schnepf damals loszog, da galt er bestenfalls als Spinner, aber nicht als krimineller Raubgräber. Im Gegenteil: Sein Engagement wurde damals durchaus wohlwollend von den zuständigen Behörden betrachtet, denn Schnepf wollte die Funde nicht für sich im dunklen Keller horten, sondern stellte sie in Ausstellungen so manches Mal der Öffentlichkeit vor. Höhepunkt war sicherlich die heimatgeschichtliche Schau 1938 im damaligen Gasthaus „Zum Karpfen“.

Die Funde spannten damals einen Bogen von der Bronzezeit bis hin zum Dreißigjährigen Krieg. Schnepf hatte die Exponate für einen Laien erstaunlich gut restauriert, wie man damals hörte. Und so waren die Heimatkundler der Region geradezu entzückt, als sie durch die Ausstellung mit ihren gut 1000 Stücken gingen. „Brühl darf auf die einzigartige Sammlung wirklich stolz sein – spätere Geschlechter werden noch dankbar anerkennen, wie viel Sorgfalt und Liebe darauf verwendet wurde, um sie der Nachwelt zu erhalten“, schwärmte beispielsweise der Schwetzinger Heimatforscher Ernst Brauch. Die Kriegsjahre allerdings sorgten dafür, dass die Sammlung bei den Brühlern erst einmal in Vergessenheit geriet. Der Ratsschreiber ging 1945 in Pension.

Rund 1000 Exponate gesammelt

Gut 20 Jahre gingen ins Land, bis die Sammlung wieder ins Zentrum des Interesses rutschte. Anfang der 1960er Jahre fanden Gespräche zwischen dem damaligen Bürgermeister Alfred Körber und Schnepf statt, in denen über den weiteren Verbleib der Sammlung verhandelt wurde. Der betagte Hobbyarchäologe machte eine siebenseitige Aufstellung der gut 1000 Stücke, die sich noch heute in den Gemeindearchiven findet. Mit etwa 10 000 Mark wurde die gesamte Sammlung seinerzeit bewertet – Schnepf bot sie für diesen Preis der Gemeinde zum Kauf an.

Es lässt sich also klar erkennen, welch eindrucksvoller heimatgeschichtlicher Schatz da zusammengetragen worden war, doch Körber wollte zunächst Expertenrat hören. Und so wandte er sich an das Staatliche Amt für Denkmalspflege in Karlsruhe, wo genau diese Experten damals zu finden waren – Auftritt der Abteilung für Ur- und Frühgeschichte in Person von Dr. Albrecht Dauber. Er erklärte sich gegenüber dem Bürgermeister auch bereit, die Privatsammlung zu begutachten.

Doch plötzlich reagierte Schnepf angesichts der angekündigten Expertise verschnupft, immerhin hatten in den 1920er Jahren, wie er erklärte, ausgewiesene Experten den Wert des Sammlung bestätigt. „In Anbetracht dieser Tatsache sehe ich nicht ein, dass die Sammlung nochmals einer Durchprüfung unterzogen wird“, wurde Schnepfs gekränkter Stolz in einem Schreiben ans Rathaus deutlich.

1964 starb der Heimatforscher Schnepf – ohne dass eine Einigung über seinen wichtigen Nachlass gefunden worden war. Körber wurde mitgeteilt, dass die Errichtung einer Ausstellung und die professionelle Konservierung mit erheblichen Kosten verbunden sei.

Bernsteinzimmer von Brühl

Deshalb wurde beschlossen, dass die Stücke am besten im einen schon bestehenden Museum unterzubringen seien – etwa dem Reiß-Engelhorn-Museum. Schnepfs Nichte Rosa wurde davon in Kenntnis gesetzt und dann verlieren sich vor 55 Jahren die Spuren der Sammlung, die aber, so wurde inzwischen recherchiert, in das Mannheimer Museum überführt worden sind. Doch als 2005 der Heimatverein versuchte, etwas über den Verbleib der Stücke zu erfahren, hieß es seites des Reiß-Engelhorn-Museums, dass dort „nicht ein einziges Stück dieser Sammlung bekannt sei“. Eine Aktennotiz verriet, dass die Sammlung vor 55 Jahren aufgespalten und zu den Erben nach Reilingen und Brühl gebracht worden sei – wahrscheinlich zumindest. Seitdem fehlt von der Sammlung jede Spur, wenngleich auch immer wieder einzelne Stücke auftauchen. Brühl hat trotzdem einen wichtigen Schatz verloren.

„Es gibt aber noch Teile, die wir auch in einer Vitrine des Heimatmuseums ausstellen“, verrät Dr. Volker Kronemayer vom Heimatverein. Doch der Großteil der Sammlung bleibt verschollen. Und so werden die Exponate letztlich zum Bernsteinzimmer der Hufeisengemeinde.

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