Brühl

„Aktion 60 plus“ Senioren und Angehörige besuchen ehemaliges Konzentrationslager / Lesung „Abraham, Ismael und Isaak“ berührt

Schüler repräsentieren drei Religionen

Archivartikel

Brühl.Auf dem kühlen, nebligen Bahnhof Friedrichsfeld-Süd warteten leicht frierend Brühler Senioren und Lehrer in Ruhestand samt Angehörigen auf die warme S-Bahn nach Mosbach-Neckarelz, wo sie Dorothee Roos gleich am Bahnhof begrüßte. Die Vorsitzende des Vereins „KZ-Gedenkstätte“ begleitete ihre Gäste zum ehemaligen Lager, wo bald danach die Autofahrer mit der „Kulisse“ eintrafen, einer breiten von Firma Knapp-Kiefer gespendeten weißen Kartontafel, auf der Swita Mansori und Jamey Fritzmann die Umrisse des Konzentrationslager-Bahnhofs Auschwitz gezeichnet hatten. Mit ihrem Kassier Hans-Peter Haas, dem früheren Direktor des Mosbacher Pattberg-Gymnasiums, wurde die Brühler Delegation durch die Ausstellungsräume geführt: In Neckarelz war wie in 52 anderen baden-württembergischen Städten 1944 ein KZ entstanden.

Holocaust-Filme sind wichtig

Zwei Gründe erklären dieses späte Datum: Hitlers Befehl, die Lager in das Reichsgebiet zu verlegen und Minister Speers Suche nach Fabriken, die vor Bombenangriffen geschützt waren. Die fand sein „Jägerstab“ in den unterirdischen Gipsgruben um Neckarelz, wo unter anderem Flugzeugmotoren von 5000 Gefangenen aus ganz Europa produziert wurden. 1500 von ihnen überlebten nicht einmal dieses knappe Jahr bis zu ihrer Befreiung am 1. April 1945. All diese Geschehnisse wären ohne die Holocaust-Filme der 1970er Jahre vielleicht vergessen worden.

Doch an dem inzwischen wieder als Schule dienenden KZ erinnerte eine deutsch-französische Inschrift an die einstigen Deportierten. „Da muss doch was gewesen sein“, dachte sich eine kleine Gruppe und begann in Archiven und bei Behörden nachzuforschen. Sie wurde fündig und gründete 1993 einen Verein, der fast aus eigener Kraft die Gedenkstätte errichtete, in der die Brühler Aktion zum 75. Holocaust-Gedenktag ihre Lesung vortrug: „Abraham, Ismael und Isaak“.

Die drei Gestalten aus der Bibel und dem Koran repräsentieren die drei Religionen und werden im christlichen Sinn als Mitglieder der „Gemeinschaft der Heiligen“ verstanden. Sie leben mit den heutigen Menschen, hören, sehen und begreifen alles, können aber von ihnen nicht wahrgenommen werden. Sie leiden mit den 1,5 Millionen in Auschwitz Ermordeten unter den grausamen Bedingungen ihres Sterbens. Sie empfinden aber auch die Scham der Kinder und Enkel der einstigen Täter.

Bildhafte Aktionen gelobt

Isaaks Parsival-Zitat „Oh, diese Wunde“ bittet die Welt um Mitgefühl und Trost. Damit begnügen sich die Väter der Religionen aber nicht. Sie stärken die Nachgeborenen: „Ihr seid nicht schuld an den Verbrechen, aber verantwortlich dafür, dass sie sich nicht wiederholen“. Und am Ende loben sie auch vorbildhafte Aktionen, die Hass, Angst und Völkermord bekämpfen, wie die Aktion der freiwilligen Unterstützer der Flüchtlinge 2015.

Die zahlreichen Besucher, vor allem aus Mosbach, füllten den großen Saal der Gedenkstätte bis zum letzten Platz und lauschten der Lesung mit einer fühlbar hohen Anspannung, die sich am Ende in einem anhaltenden Beifall löste. Boris und Mark von der jüdischen Kultusgemeinde Heidelberg (Abraham), Swita, Muslima aus Afghanistan (Ismael) und Jamey, Christ mit nigerianischem Vater (Isaak) fanden auch sehr viel persönliche Anerkennung: „Ihr könnt stolz sein, dass ihr diese ergreifende Geschichtsstunde mitgestaltet habt.“ sr/zg

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