Brühl

Theaterabend "Hemshofschachtel" bietet einen eigenen Tatort

Skurrile Ermittlung

Archivartikel

BRÜHL.Verhältnisse herrschen in der Bad Dürkheimer Kurklinik "Sonnentanz" - da sträuben sich einem die Haare. Da ist ein smarter Arzt, der nie Zeit für seine Patienten hat und eigentümliche "Abmahnungen" ans Personal, bevorzugt die sexy Krankenschwester, verteilt und gelangweilte, weibliche Kurgäste auf Männerjagd zwischen Aqua-Cycling und Massage, Herren mit Burnout und durchgeknalltem Künstlerstyle und alles rund um einen Heilwasserbrunnen, der Gesundheit und Entspannung verheißt, trinkt man mindestens drei Liter des kühlen Nasses täglich. Mittendrin eine wissbegierige Hobby-Detektivin, die ganz schnell einen "echten" Fall bekommt, als ein Kurgast über Nacht "stirbt".

Durchgeknallte Typen

Zutaten für einen Abend voll spritziger Lachsalven, den das Theater "Hemshofschachtel", Dauergast im Kulturprogramm der Hufeisengemeinde, den Gästen in der fast voll besetzten Festhalle bietet.

Das Stück aus der Feder von Rüdiger Kramer, der bereits mehrere abendfüllende Geschichten für das Ensemble geschrieben hat, hat es in sich. Die Charaktere sind allesamt mit ihren Stärken und kleinen Lässigkeiten brillant dargestellt: begonnen mit Adelheid Kempinski (Marie-Louise Mott), die mit ihrem spitzen Aufschrei "kombiniere" für Dauerlacher sorgt und dem Fortgang der Geschichte häppchenweise frischen "Stoff" liefert, über deren Kurfreundin Waltraud Fink (Anja Reich), die verwitwet auf der Suche nach testosterongetränktem lebendigem "Frischfleisch" ist, bis zum geschäftig wirkenden Herzensbrecher-Doktor Josef Pfau (Jens Kalbfuss) stimmt alles im Konzept.

Der smarte Doktor ist immer im Einsatz für die Patienten oder für die adrette Schwester Tanja (Jasmin Bachmann), der er techtelmechtelträchtige "Abmahnungen" mit regelmäßigen "Untersuchungen" verpasst. Manchmal zückt er auch die Riesenspritze, etwa, wenn der durchgeknallte Künstler Gunther von Blech (Andreas Assanoff) einmal wieder seinen Lieblingsschriftzug beispielsweise: "Hier badete Gunther von Blech anno 2017" auf Flaschen, Bechern oder gar Türschildern hinterlässt. Ein wenig Geltungsdrang verkörpert der kunterbunt gekleidete Künstler, der seine Modelle am liebsten reduziert auf Nacktheit abbildet, schon.

Vom Alltagsstress als Kriminalkommissar überfordert gesellt sich Erwin Klotz (Edgar Wetzel) zur Kurgesellschaft und der kombinierenden Adelheid. Die ist gleich hinter dem Mann her, der seinen Burnout kurieren möchte.

Aus Wasser wird Wein

Gleich einem spanischen Matador fällt da Julio Schmidt (Axel Seban) ins Bild, der die Ladys mit seinem Temperament und lockeren Tanzeinlagen umgarnt. Fehlt zum Kurglückschaos nur noch die am "Handy-Wischsyndrom" (HWS) leidende Sylvia Jung (Tanja Hoecker), die ewig auf der Suche nach dem elektronischen Alltagsbegleiter ist, obgleich sie selbstredend auf Entzug davon ist.

Stetig plätschert der "Jungbrunnen" mit kurierendem Heilwasser im Mittelpunkt der Wartezimmerszenerie, Becher locken, sich am Nass zu laben. Das wiederum schmeckt erdig und nach Schwefel - also gesund. Jedoch nur bis Adelheid auf die glorreiche Idee kommt, mittels klempnernder Verwandtschaft einen zweiten Zugang legen zu lassen. Unbemerkt installiert und auslösbar mittels Klatschsensor sprudelt köstlicher "Pälzer Woi" aus dem Hahn. Vertuschen kann Adelheid das nur mit viel Raffinesse, denn so manches Mal klatscht auch ein nicht eingeweihter Mitbewohner in die Hände, zieht dann nicht sofort Adelheid nach, hält sich so mancher Kurgast für Jesus, weil er scheinbar aus Wasser Wein gemacht hat.

Tote werden wieder lebendig

Als jedoch plötzlich der nicht sehr beliebte Gunther von Blech tot in seinem Bett gefunden wird, entspinnen sich fantasievolle Geschichten, die Adelheid - auf dem zweiten Bildungsweg als regelmäßige Tatort-Schauerin zur Ermittlerin geschult - tatkräftig Realität werden lässt. Das Ergebnis ihrer Ermittlungen weckt sogar Tote wieder auf.

Herrlich skurril und mit einer mimischen Präsenz, die jedes Zipperlein ebenso erkennen lässt, wie deutliche Verblüffung, Vernebelungstaktik und schiere Verzweiflung, schaffen es die acht Akteure, ihr Publikum restlos zu begeistern. zesa

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