Brühl

Trau dich zu träumen!

Ralf Strauch freut sich über die Vielfalt der Regenbogenfarbigkeit

Ein Europa der Vaterländer – der Wunschtraum vieler stramm rechter Gruppen. Wie könnte man das besser erreichen, als im Wettstreit der Nationen, bei dem es nach mehrtägigem Kampf nur einen Sieger geben kann. Jedes Land stellt in diesem großen Wettstreit seine aktuellen kulturellen Glanzlichter vor und kann so seine tief verwurzelten Werte vermitteln.

Der Traum dieser Nationalisten wird wahr: Der Eurovision Song Contest (ESC) lässt das musikalische Herz des Kontinents in Tel Aviv, also quasi mitten in Europa, schlagen. Herrlich! Und da kommt dann beispielsweise der schwedische Teilnehmer aus dem Bilderbuchteil seines Heimatlandes, aus Småland – und schon betritt er die Bühne: groß, dunkelhaarig und dunkelhäutig. Beim ESC ist manches anders, als man es erwartet hat. Da gibt es die ganze verrückte Vielfalt vom isländischen SM-Studio über die „Königin der Nacht 2.0“ aus dem europäischen Australien bis zur slowenischen Scheinautistin, die nie ins Publikum blickt.

Und die deutschen Teilnehmerinnen besingen auch noch die Kraft der Frau – und zwar nicht die bei Kindern, Küche, Kirche. Auch aus unserer Region traten schon zwei starke Frauen auf dieser Bühne auf: Lou Hoffner aus Waghäusel und die Mannheimerin Joy Fleming.

Wenigstens auf eines ist beim ESC Verlass: Auf die germanische Wallküre, die im vergangenen Jahr Siegesgöttin war und die auch diesmal dem Sängerwettstreit göttlichen Glanz verleiht – allerdings stammt diese opulente Stilikone aus Israel. Herrgott, kein Wunder, dass dieses schrille Ereignis dann doch weniger Gefallen bei den Rechten findet, sondern eher bei der queeren Gesellschaft und bei einer schweigenden Minderheit von mehr als 180 Millionen Zuschauern weltweit. Und wie soll man da nibelungentreu sein, wenn man nicht fürs eigene Heimatland stimmen darf?

Da ist man als guter Nationalist dann sicher doch froh, dass es noch einige wenige Wächter der Leitkulturen gibt, die Musikqualität wie die von „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ oder „Noie Werte“ zu würdigen wissen. Da ist die Welt zwischen kroatischen Engeln, einer US-amerikanischen Madonna und rumänischen Untoten nicht in verwirrenden Regenbogenfarben leuchtend, sondern noch schön einheitlich braun. Trau dich zu träumen – in Farbe und bunt!

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