Brühl

Judenverfolgung Zum 80. Jahrestag der Reichpogromnacht wird der Familien von Dr. David Rennert und Jakob Rhein gedacht

Vom Terror der Nazis gezeichnet

Brühl.Mit den Novemberpogromen 1938 trieben die Nationalsozialisten ihren „Krawallantisemitismus“ auf die Spitze und gingen zum offenen Terror über. „Reichskristallnacht“ nannte der Volksmund die Ausschreitungen gegen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die Propaganda des Joseph Goebbels sprach vom „spontanen Volkszorn“, doch die Terrorakte waren reichsweit bestens organisiert. Auch in Brühl war der 9. November 1938 ein einschneidendes Datum – daran soll eine Gedenkfeier 80 Jahre später erinnern.

Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler geworden war, lebten in Brühl zwei jüdische Familien: die des Arztes Dr. David Rennert und die des Kaufmanns Jakob Rhein. Der eine wie der andere hatten sich beispielhaft für das gemeinschaftliche Leben in der Gemeinde eingesetzt.

Dr. Rennert war Vertrauensarzt des Deutschen Roten Kreuzes gewesen und hatte allen lernwilligen Brühlern Grundkenntnisse in Erster Hilfe beigebracht. Jakob Rhein hatte jahrzehntelang die Freiwillige Feuerwehr gefördert, mit seinen Spenden hat er dazu beigetragen, ihre Ausstattung aufzubauen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging alles zu Ende. Der 1. April 1933 war als „Juden-Boykott-Tag“ ein schwaches Vorbeben. Doch Dr. Rennert hatte begriffen, was dieses Zeichen bedeutete. Er war zum Bürgermeister gegangen und hatte ihn nach dessen Meinung befragt: „Wird das gegen uns Juden so weitergehen, oder kann ich bleiben? „Die Antwort des Bürgermeisters fiel offensichtlich eindeutig aus, denn am 30. Juli zog Rennert nach Mannheim und wanderte dann aus.

Umzug rettet nicht

Jakob Rhein blieb, er starb am 17. März 1934, und ihn geleitete sogar die Feuerwehr zu seinem Grab nach Schwetzingen. Damit freilich endete Bürgermeister Valentin Eders Amtszeit. Die NSDAP-Kreisleitung setzte ihn ab. Es folgte der trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft heute als korrekt geltende Karl Kammerer.

Das Kaufhaus Rhein blieb auch. Frieda, Rheins Frau, Lena, die Schwägerin und deren Tochter Martha führten es weiter. Bis es am frühen Morgen der Reichspogromnacht 1938 die Brühler SA ausräumte, alle Habe auf die Hauptstraße warf, mit Petroleum übergoss und verbrannte. Bis dahin hatten sie den Brühlern das Lebensnotwendige verkauft. Was die drei Frauen in jener Nacht empfunden haben, kann man sicherlich nur schwer nachvollziehen. Ihr Lebenswerk war zerstört, sie selbst ausgestoßen, sie wurden beschimpft und erniedrigt. Doch das war erst der Anfang. Sie verkauften das Anwesen weit unter Wert an die Gemeinde und suchten Schutz in der Anonymität der Großstadt Mannheim. Vergeblich. Lena blieb zunächst als Krankenschwester in einem jüdischen Altersheim, doch fand sie 1942 den Tod in einer Gaskammer des Vernichtungslagers Treblinka. 1940 bereits waren Frieda und Martha in das Lager Gurs im besiegten Frankreich deportiert worden. „Baden ist judenfrei“, meldete Gauleiter Wagner damals stolz. Im Frühjahr 1942 folgte auch für sie die letzte Station ihres Leidensweges. In Viehwaggons zusammengepfercht wurden sie unter unvorstellbaren Bedingungen nach Auschwitz verschleppt. Wie Millionen anderer Juden wurden die Brühlerinnen vergast und verbrannt. Das Haus der Familie Rhein wurde abgerissen und als 1995 eine Publikation das Schicksal der drei Frauen bekannt machte, schlug der Gemeinderat vor, einen Gedenkstein zu errichten. Er wurde durch Spenden – auch der Klassenkameraden Marthas, bezahlt und am 9. November 1998 eingeweiht. Zudem wurden vor einigen Jahren Stolpersteine für die Frauen in den Gehweg dort eingelassen.

An diesem Stein gegenüber dem Rathaus soll am Freitag, 9. November, die Gedenkefeier stattfinden. Doch zunächst wird mit einer ökumenischen Andacht in der evangelischen Kirche in der Hufeisengemeinde der 80. Jahrestag der Reichspogromnacht begangen. Die Öffentlichkeit ist zur Andacht, die Pfarrerin Almut Hundhausen-Hübsch mit Konfirmanden in der evangelischen Kirche durchführt und die vom katholischen Pfarrer Erwin Bertsch mitgestaltet wird, eingeladen. Beginn ist am Freitag, 9. November, um 17.30 Uhr, die anschließende Gedenkveranstaltung beim Gedenkstein beginnt gegen 18 Uhr vor dem Rathaus. sr/ras

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