Brühl

Zeitlos Zeiger der Schutzengelkirche versagt über 100 Stunden ihren Dienst / Niemand merkt es

Wer hat an der Uhr gedreht?

Archivartikel

Brühl.„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als wir mit unserem Verstand erkennen können“, soll Laotse eines Tages verkündet haben. Und er sollte Recht behalten. Im Falle der blitzblauen Uhr der Schutzengelkirche hätte ein Blick gereicht, um zu erkennen, dass sie sage und schreibe fast 100 Stunden lang schwieg. Keinen Mucks gab sie von sich. Kein Zeiger schnappte im Stundenmodus im rechten Lauf und kein Klöppel schlug gegen die Glocke im hohen Turm, um vom Verlauf der Zeit zu künden.

„Das habe ich gar nicht bemerkt“, wunderte sich da sogar Pfarrer Erwin Bertsch und bekannte, dass er seinen Tag hinter „dreifach verglasten Fenstern“ verbringe und man im „Schatten“ der großen Kirche ohnehin meist nichts vom Schlag und Schall mitbekäme. Eigentlich für einen Kirchenmann eine ungewöhnlich ruhige Geräuschkulisse im Alltag. Schließlich erinnern Glockenschlag und das Läuten an die gute Beziehung zum Herrgott. „Aber eigentlich ist es ja kein Läuten“, verrät der Pfarrer, denn „der Hammer außerhalb wird auf die Glocke fallen gelassen. Deshalb nennt man es ja auch Stundenschlag.“

Kommune zählt die Minuten

Dass dieser Hammer fast 100 Stunden seinen Dienst verweigerte – ein katholischer, ein stiller Protest gegen die Verweltlichung der alten Rituale? Schließlich wehren sich allerorts Menschen gegen die Lärmemission Kirchturmläuten.

Das mit dem Läuten sei tatsächlich so eine Sache, stimmt Bertsch zu: „Traditionell läutet es ja morgens, mittags und abends. In Brühl läutet es nur mittags, in Rohrhof und Ketsch mittags und abends. In der Frühe nirgends. Ich habe versucht, das einzuführen und heftige Proteste geerntet.“ Am frühen Morgen vermisse man eben den lieben Herrgott und seine Zeitansage wohl nicht so sehr.

Auch in der Nacht schweigt das Zeiteisen. Nachvollziehbar, denn alle drei Kirchen –nicht nur die Schutzengelkirche – würden dann fröhlich läuten und bimmeln, was die Glocke hergibt. Denn um Mitternacht wären es glatt 20 Schläge. Das wäre schon ein bisschen viel, weiß der Kirchenmann. Daher schweigt die Uhr und ihr Gefolge zwischen 22 und sechs Uhr am Morgen.

Bertsch hat dazu eine Anekdote parat: „Als ich Pfarrer in Forst war, habe ich mir einen Scherz erlaubt. Der 1. April war ein Sonntag und so habe ich am Ende des Gottesdienstes gesagt, dass man künftig eine Gebühr entrichten muss, wenn man auf die Uhr schaut. Wir vertrauen auf die Ehrlichkeit der Bürger, 50 Cent beim Blick, wer seine eigene Uhr nach der Kirchturmuhr stelle, müsse einen Euro bezahlen. Es war zunächst mucksmäuschenstill, dann fiel der Groschen und alle lachten.“

Dieses Mal und in der Hufeisengemeinde hatten aber andere Mächte ihre Finger im Spiel – auch nicht der Pfingstochse. Die Kirchengemeinde rüste ihre Beleuchtung von herkömmlichen Glühbirnen auf LED um. Gleich nach dem Pfingstfest machten sich die Elektriker ans Werk und stellten den Strom ab. Inzwischen hat sich die Uhr wieder ganz von selbst genau eingestellt – der Funktechnik zur Atomuhr sei Dank.

Geteilte Pflege der Technik

Große Erleichterung herrschte da im Rathaus, denn bei einem Schaden der Uhr hätte die Verwaltung eben dort tief ins Gemeindesäckel greifen müssen. Schließlich teilen sich die Gemeinde und die Kirche die Hege und Pflege rund um denn Chronometer und das Geläut. Die Glocke gehört demnach der Kirche, hingegen befinden sich das Ziffernblatt, das Uhrwerk, die Zeiger und der Hammer fest in kommunaler Hand.

Eine Vereinbarung, die auf das Jahr 1899 zurückgeht. Bürgermeister Albert Eder unterzeichnete damals den Vertrag mit der katholischen Kirche, denn die Uhr da oben war schließlich von jedem Bürger zu sehen. So nutzte die Welt das Angebot der Christen, den Verlauf der Zeit exakt ablesen zu können, der Stundenschlag war schließlich selbst bei der Feldarbeit zu hören.

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