Eppelheim

Gemeinderat Gremium entscheidet nur knapp für den Beitritt zum Netzwerk „Cradle to Cradle“ / Bei der Organisation steht ein Kreislaufsystem für Rohstoffe im Mittelpunkt

Binsch: Das erscheint uns wie ein moderner Ablasshandel

Archivartikel

Eppelheim.Das wirtschaftliche Produktionssystem basiert auf dem Prinzip, dass am Ende der Nutzung das Produkt auf dem Müll landet. Zur Herstellung neuer Produkte werden in der Folge wieder neue Rohstoffe benötigt, die jedoch auf der Erde nur endlich vorhanden sind. Schließlich folgt die weitere Umweltverschmutzung durch den Müll. Das möchte die gemeinnützige Organisation „Cradle to Cradle“ verhindern.

In der ersten Sitzung nach der Sommerpause sollte der Gemeinderat darüber entscheiden, ob Eppelheim dem Netzwerk für Städte und Kommunen beitritt. Referentin Lorena Zangl und Vorstandsmitglied Nora Griefahn stellten dem Gremium das „Cradle to Cradle“-Prinzip, was übersetzt „von der Wiege in die Wiege“ heißt, ausführlich vor. Das Konzept beinhalte einen perfekten Kreislauf, bei dem Nährstoffe in der Bio- und Technosphäre gehalten werden, ohne dabei Abfälle zu produzieren. Organische Bestandteile eines Produktes landen wieder auf dem Kompost und somit im Kreislauf der Natur. Gebrauchsgüter werden so gestaltet, dass sie beispielsweise durch chemische oder mechanische Prozesse sinnvoll wiederverwertet werden können.

Austausch von Expertise

Um an die Rohstoffe zu gelangen, müssen Unternehmen ihre Produkte wieder zurücknehmen. „Umdenken für einen großen positiven Fußabdruck“, plädierten die Referentinnen für die Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft. Das Netzwerk biete Austauschplattformen für Expertise und Wissen, regelmäßige Veranstaltungen, Zugriff auf Informationsmaterial und Hilfestellungen sowie Potenzial für regionale Cluster zur Vernetzung von Unternehmen, Organisationen und politischen Akteuren. Das Konzept könne in Eppelheim sowohl in kleinen als auch in großen Projekten realisiert werden.

Einige Kommunen hätten sich schon auf den Weg gemacht, stellten die Referentinnen heraus. In Ludwigsburg wurde eine ämterübergreifende Arbeitsgruppe für nachhaltige Beschaffung eingerichtet. In der Hamburger Hafen-City ist ein „Cradle to Cradle“-Wohnhaus entstanden und in Berlin die erste Sanierung im Gebäudebestand gelaufen. Straubenhardt hatte 2019 beschlossen, als Modellgemeinde Pionierarbeit zu leisten. Bereits jetzt gibt es dort eine Windkraftanlage und den Entwurf für ein neues Feuerwehrhaus.

Gebäude wie Bäume bauen

Alle, die sich für einen positiven Fußabdruck engagieren wollten, könnten aktiv werden, meinten die Referentinnen: „Indem wir Gebäude wie Bäume bauen, Sonne und Wind als Energieträger nutzen, in nährstoffreichen Böden gesunde Nahrungsmittel erzeugen und Wasser in Kreisläufen fließen lassen“. Eppelheim würde gerne Teil des Netzwerks werden, erklärte Bürgermeisterin Patricia Rebmann. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt 900 Euro.

Stadträtin Isabel Moreira da Silva (Grüne) sprach von einem unterstützenswerten Ansatz. Dennoch müsse die Idee der Kreislaufwirtschaft auch kritisch hinterfragt werden: „Denn durch das endlose Recycling der Produkte wird der Verbrauch an Rohstoffen zwar reduziert, der Konsum aber nicht eingeschränkt.“ Zur Umsetzung sollte es eine „Cradle to Cradle“-Gruppe aus interessierten Bürgern und Gemeindevertretern geben. Ihre Fraktion sehe das Thema als Ergänzung zu einem beschlossenen Müllvermeidungskonzept, „das leider noch aussteht“.

Alexander Pfisterer (SPD) meinte, „das Konzept wird nicht so richtig konkret“. Nach zwei Jahren müsse man schauen, was es bewirkt habe. „Dem Inhalt stehen wir positiv gegenüber“, sagte CDU/FDP-Fraktionssprecher Trudbert Orth. Man müsse aber mehr für Recycling tun: „Aus alt mach neu ist der richtige Weg.“ Bernd Binsch (Eppelheimer Liste) sah die Sache ebenfalls kritisch, „da sich uns der Nutzen für die Stadt Eppelheim nicht erschließt“. Eine Zertifizierung sei vermutlich mit weiteren Folgekosten verbunden: „Das erscheint uns wie ein moderner Ablasshandel, mit dem man sich sein schlechtes Gewissen freikauft.“

Schon öfter schwergetan

Hans-Günther Büssecker (SPD) meinte, dass sich der Gemeinderat mit innovativen Dingen schon öfter schwergetan habe: „Ich sehe ,Cradle to Cradle’ als Denkanstoß, Recycling funktioniert ja auch noch nicht richtig.“ Der Beschlussvorschlag, dem Netzwerk für Städte und Kommunen beizutreten, wurde bei elf Ja- und neun Neinstimmen nur knapp angenommen.

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