Eppelheim

Solidarische Landwirtschaft Mitglieder finanzieren und bewirtschaften mehr als 50 Hektar Land/ Der Lohn ist eine Menge Gemüse und das Eintauchen in eine andere Welt

„Eine Gemeinschaft fast wie im Paradies“

Archivartikel

Eppelheim.„Was ist das denn?“, fragt Peter Kirsch, den Blick hoch zum wolkenbehangenen Himmel gerichtet. Es ist ein Vogelschwarm, der über einem der Äcker des Markushofs in Maisbach seine Runden zieht und den ehemaligen Theatermacher während der Führung über das Gelände kurz aus dem Konzept bringt. Von Anfang an – seit Gründung der „Solidarischen Landwirtschaft Rhein Neckar“ (Solawi) – ist der 77-Jährige dabei.

Die Idee dahinter: Anstatt „bloß“ zu konsumieren, tragen mehrere Privathaushalte selbst die Kosten des landwirtschaftlichen Betriebes. Im Gegenzug erhalten sie den kompletten Ernteertrag. Dieser besteht aus saisonalem Gemüse, Milch, Brot und sogar Fleisch, das jeden Donnerstag an 14 Depots – von Heidelberg bis Eppelheim – ausgegeben wird. Von dort können sich die Mitglieder ihren Anteil abholen. Anfangs eine kleine Gruppe, wächst die Zahl der Mitglieder, die sich selbst Solawisten nennen, zunehmend.

Einige von ihnen befinden sich an diesem Mittag im Packraum des Markushofs, den Kirsch als Zwischenstation auserkoren hat. Alle Anwesenden sind schwer beschäftigt. In dem mittelgroßen Raum, der wie ein Kuhstall, mehrere Äcker sowie Obstwiesen zur „Solawi“ gehört, wandern übergroße Zucchini, kiloschwere Rote Bete und krumme Gurken unterschiedlichster Form und Größe in grüne Kisten. Im Anschluss werden diese zu den Depots gebracht – wie jeden Donnerstag.

„Es schmeckt einfach anders, etwas süßlich, glaube ich. Wie genau, kann ich gar nicht beschreiben, einfach besser“, versucht Kirsch, der Mitglied und Sprecher des Eppelheimer Depots ist, den Geschmack der Biogurke zu definieren, die er in Händen hält und ergänzt: „Eben noch geerntet, kommt es schon mal vor, dass ich nur wenige Stunden später ,meine’ Gurke im Depot wiederentdecke – ein tolles Gefühl“, das anscheinend gewichtiger ist als finanzielle Entlohnung.

Außer den zwei angestellten Landwirten erhält auf dem Markushof nämlich niemand Geld für seine Arbeit. Im Gegenteil. Jeder, der mit anpackt, zahlt dafür monatlich um die 130 Euro und hilft dennoch, wo er kann. Fest steht der Beitragssatz nicht. „Nach abgeschlossener Kalkulation und der Auflistung aller Kosten gibt es jährlich eine anonyme Bieterrunde, bei der alle Mitglieder ihren monatlichen Beitrag für das kommende Jahr vorschlagen. Mancher bietet mehr, mancher weniger, je nach finanzieller Situation. Wir können die Welt nicht retten, auf diese Weise aber immerhin in unserer Gemeinschaft einen gewissen sozialen Ausgleich schaffen“, meint Kirsch.

Mehr als 180 Mitglieder

Beiträge zahlen und dafür schwere körperliche Arbeit verrichten? Was ungewöhnlich klingt, ist auf dem Hof von Biobauer Markus Schmutz seit Jahren Normalität. 2011 gegründet, zählt die Solawi mittlerweile mehr als 180 Mitglieder, die mehr sein wollen als „nur“ Konsumenten. Grund für Mitgliederzuwachs ist die Unzufriedenheit mit dem Gewohnten, nämlich dem vermeintlich makellosen Obst und Gemüse, das aber aus Ländern wie Spanien, den Niederlanden oder Italien stammt. Weite Wege für die Ware, die die Mitglieder der „Solawi“ nicht mehr akzeptieren wollten und daher seit einigen Jahren quasi ihren eigenen „Supermarkt“ mitbewirtschaften.

„Wir sind eine Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft und wollen von der Verbraucherseite aus Verantwortung übernehmen“, so Peter Kirsch. Natürlich ist dieses Modell nicht für jeden etwas. Manchen Leuten ist es zu anstrengend, neben dem Beruf zusätzlich auf dem Hof zu helfen – sei es beim Ernten, der Aussaat oder dem Verpacken der Ware“, sagt der 77-Jährige. Dabei ist niemand dazu verpflichtet, selbst Hand anzulegen. Vielmehr geht es darum, aus eigenem Antrieb einen Teil zur Gemeinschaft beizutragen.

Dass dies auch mit Verzicht zu tun hat, wissen Martin und Inge Wintermantel – Verwalter des Eppelheimer Depots – nur zu gut. „Schade, keine Gurken diese Woche“, schaut Inge Wintermantel in eine der grünen Kisten, die soeben frisch geliefert wurde und ergänzt: „Aber so ist es eben. Man weiß nie, was man bekommt. Und das hat ja auch seinen Reiz.“

Um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, können Mitglieder auf eine Vielzahl von Rezepten zurückgreifen, die den Umgang mit den saisonalen Erzeugnissen erleichtern. Unvorhersehbar ist die kommende Ernte jedoch nicht. Oberste Priorität habe die Pflege der natürlichen Lebensgrundlagen Boden, Wasser und Luft, um letztlich Lebensmittel mit hohem gesundheitlichen Wert zu erzeugen, weshalb die Äcker gemäß der natürlichen Fruchtfolge bewirtschaftet werden. „Dabei werden nacheinander die Pflanzen angebaut, die unterschiedlich stark den Boden auszehren – vom Starkzehrer zum Schwachzehrer. Irgendwann geht das auch nicht mehr. Dann kommt auf die Fläche eine sogenannte Zwischenfrucht“, zeigt Kirsch während des Rundganges auf einen der gerade unbewirtschafteten Äcker und erklärt weiter: „Dadurch sollen die biologischen Regelsysteme im landwirtschaftlichen Bereich optimal gepflegt werden.“ Neben dem bewussten Umgang mit natürlichen Ressourcen soll so auch der bewusste Umgang mit den Erzeugnissen selbst geschärft werden.

Fast 300 Liter Milch am Tag

Während der 77-Jährige dies erzählt, kommt Landwirt Daniel Maier vorbei und erklärt: „Unsere 16 Kühe im Offenstall geben 150 Liter Milch am Morgen und 150 Liter am Abend, also 300 Liter am Tag.“ Offenstall bedeutet, dass die Tiere Auslauf zum sogenannten Laufhof und den angrenzenden Wiesen haben. So grasen die weiblichen Jungtiere von Frühjahr bis Herbst auf der Weide, auf der sie ausreichend Grünfutter vorfinden. Im Spätsommer bekommen sie zusätzlich frisch gehäckselten Mais. In den Wintermonaten ergänzen Getreideschrot – Hafer, Gerste – sowie Erbsen und Bohnen die Speisekarte der Wiederkäuer. Eines Tages landen sie womöglich selbst auf dem Teller eines Solawi-Mitglieds.

„Es gab immer wieder Diskussionen darüber, ob wir auch das Fleisch der Kühe auf unseren Speiseplan setzen. Letztlich haben wir uns dafür entschieden“, so Kirsch. Vor allem für die Bullen – die männlichen Tiere – hat dies Konsequenzen. Nach 18 Monaten kommen sie unters Messer. Die Schlachtung findet in einem biozertifizierten Familienbetrieb statt. Auch die Weiterverarbeitung folgt strengen Bioland-Richtlinien. „Im Gegensatz zum Vorgehen in der konventionellen Landwirtschaft, wollen wir den Tieren bis zu ihrer Schlachtung ein angenehmes Leben bieten.“

Anders als beim Modell der Gemüsekiste, bei der der Abonnent das Gemüse „lediglich“ ersteht, tragen die Erzeugnisse bei der Solawi zu einer Art Synergieeffekt zwischen Bauer und Verbraucher bei, bei dem die Produktion aller Lebensmittel sich in einer Art Kreislaufwirtschaft selbst finanziert. Auf der einen Seite stehen die Mitglieder, die den Hof mit ihren Beiträgen stützen und die Erträge erhalten. Auf der anderen Seite befindet sich Bauer Markus Schmutz, der durch die Zusammenarbeit Planungssicherheit erhält.

Dass die Zusammenführung dieser beiden Welten nicht immer einfach ist, weiß Kirsch nur zu gut: „Vonseiten der Mitglieder kommen viele Ideen, die dann auf die landwirtschaftliche Praxis treffen und einfach nicht umsetzbar sind. Es sind einfach andere Mentalitäten, ja andere Welten, die aufeinandertreffen. Doch auch das ist Teil des Projektes – ein Annäherungsprozess, der Produzenten und Konsumenten einander näher bringt. So entsteht eine Art der Gemeinschaft, die die Grenzen zwischen Landwirt und Städtern sprengt und sich an Tagen der Zusammenkunft und der gemeinsamen Ernte fast wie im Paradies anfühlt.“

Info: Mehr Bilder gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional