Hockenheim

Ortstermin Tobias Schmitt informiert SPD-Landtagsabgeordneten Daniel Born auf seinem Gemüsehof im Siegelhain über aktuelle Sorgen der Landwirtschaft

Als Bauer möchte er nicht Buhmann sein

Die Landwirtschaft steht in Deutschland unter Druck. Der Gemüsebauer Tobias Schmitt aus der Rennstadt bringt es bei einem Besuch des SPD-Landtagsabgeordneten Daniel Born auf die Formel: „So ziemlich alle Produktionsfaktoren werden laufend teurer, nur nicht unser Endprodukt“. Am schlimmsten, so der Vater von zwei Kindern, sei aber mittlerweile der soziale Status eines Bauern: „Manchmal fühle ich mich schon als Buhmann der Gesellschaft.“

Dabei lässt Schmitt keinen Zweifel daran, dass die Vorstellungen der Gesellschaft von Landwirtschaft nichts mit der Realität zu tun hätten. Leider, das konstatiert auch Born, sei das Gespräch zwischen der Branche und der Gesellschaft zu einem ziemlich dumpfen Schlagabtausch geworden, in dem jeder seine Position als sakrosankt betrachtet – das Gegenteil von Dialog, findet Born, dem er mit einem baden-württembergischen Landwirtschaftskonsens beikommen will.

Es sei wichtig, aus dieser konfrontativen Situation herauszukommen und auf allen Seiten mehr Verstehen und damit auch mehr Verständnis zu schaffen. Für Born eine tatsächlich alternativlose Strategie. Denn ohne Dialog würden am Ende alle verlieren.

Den Landwirtschaftsbetrieb hier im Siegelhain brachte der Urgroßvater von Tobias Schmitt 1959 auf den Weg. Damals drehte sich noch alles um Schweine und Bullen. Doch Schmitts Vater Helmut leitete auch auf Wunsch seines Sohnes eine Wende hin zum Gemüseanbau ein. Auf 150 Hektar baut die Familie Schmitt nun verschiedene Salatsorten, Kohlrabi, Möhren, Spargel, Weizen, Mais und Grünland für Viehfutter an.

Von zwei Seiten unter Beschuss

Bei seinem Bericht wird deutlich, dass der Beruf des Bauers für Tobias Schmitt mehr als nur notwendiger Broterwerb ist. „Landwirt bin ich aus Leidenschaft.“ Aber diese Leidenschaft gerät derzeit von zwei Seiten massiv unter Beschuss. Der Handel erhöht im Grunde laufend die Anforderungen und versucht, genauso laufend die Zahlungen an die Bauern zu senken.

Leider sei die Marktmacht klar aufseiten des Handels. Heißt: Bauern können sich nur schwer bis gar nicht wehren. Die Konsequenz: Immer mehr Höfe geben auf. Gab es 1970 noch über eine Million Betriebe in Deutschland, sind es heute nur noch etwas über 250 000. Auch für Europa sieht es nicht besser aus. Laut EU-Kommission haben zwischen 2005 und 2015 rund vier Millionen landwirtschaftliche Betriebe aufgegeben. Das bedeutet, dass in der EU pro Monat rund 30 000 Höfe sterben – 1000 pro Tag. Und die Zukunft verheißt nichts Gutes.

Laut einer Studie der DZ-Bank werden von den derzeit 267 000 Höfen in Deutschland bis 2040 lediglich noch 100 000 Höfe existieren. Eine entscheidende Ursache sieht diese Studie im wachsenden wirtschaftlichen Druck. Der Trend, so Schmitt, gehe klar weg vom kleinen Familienbetrieb hin zum landwirtschaftlichen Industrieunternehmen. Nur sie könnten kostengünstig in großen Maßen produzieren. Auch weil die EU ihre Agrarsubventionen nach wie vor nach Fläche vergibt. Je größer der Betrieb, desto mehr Geld gibt es.

Nicht weniger schlimm ist in den Augen Schmitts das feindlich werdende soziale Umfeld. Als konventioneller Bauer werde man zunehmend angefeindet. Dabei ist er davon überzeugt, dass konventionelle Landwirtschaft so wenig böse wie biologische Landwirtschaft per se gut sei. In den Dschungel aus Siegeln und Bestimmungen wollte er gar nicht einsteigen.

Gegenseitiges Zuhören ist wichtig

Einig waren sich der Politiker und der Bauer, dass es Zeit wird, sich wieder mehr zuzuhören. „Wir müssen wieder spürbar mehr mit Landwirten reden und weniger über sie“, sagt Born. Und das übrigens auch auf europäischer Ebene.

Vom fairen Wettbewerb ist man in Schmitts Augen noch weit entfernt. Es gebe zahllose Geschichten von Spritzmitteln, die in Deutschland schon längst verboten sind, im europäischen Ausland aber noch zum Einsatz kommen oder Saisonarbeiter, die für zwei bis drei Euro auf Biohöfen schuften. Vor die Politik liegt noch ein weiter Weg, das wusste Born natürlich schon vorher, aber hier war der Handlungsdruck einmal mehr fast spürbar.

„Wir müssen Brücken bauen, damit die Menschen Landwirtschaft verstehen und auch bereit sind dem wahren Wert landwirtschaftlicher Güter gerecht zu werden.“ Ansonsten drohe zukünftig eine Landwirtschaft, die noch weniger als jetzt schon mit den Werbebildern von intakten Betrieben in einer intakten Umwelt zu tun habe.

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