Hockenheim

Im Interview Dieter Gummer ist seit 50 Jahren im Öffentlichen Dienst / Vom Verwaltungslehrling zum OB / Rathaus wird zum Dienstleister und Bürger werden kritischer

Als Telefone noch eine Wählscheibe hatten

Archivartikel

Auf 50 Jahre im Berufsleben können sicherlich nur wenige Menschen zurückblicken. Einer, der ein halbes Jahrhundert im Beruf auf dem Buckel hat – und bis im Sommer nächsten Jahres noch einen draufpackt – ist Oberbürgermeister Dieter Gummer. Es war und ist kein Aprilscherz: Am 1. April jährt sich der Beginn seines Einstiegs ins Berufsleben zum 50. Mal. Natürlich sind damit sehr viele Erinnerungen verbunden. Jedenfalls hieß Gummers erster Ausbildungsbeamter Wilhelm Busch. Diesen Namen wird er wohl nie vergessen.

Vor der Berufswahl wurde dem heutigen Hockenheimer OB Frage gestellt: „Du bist doch gut in der Schule, warum gehst Du zur Stadt und nicht in die BASF, da verdienst Du doch viel mehr?“ Vater, Großvater und Urgroßvater waren im Öffentlichen Dienst, Gummers Tochter nun auch. Also schlug auch Dieter Gummer die Laufbahn im Öffentlichen Dienst ein und hatte ein Ziel: Er wollte Stadtamtmann werden. Daraus wurde viel mehr. Wie es dazu kam und wie er die gravierenden Veränderungen in den vergangenen 50 Jahren erlebt hat, hat uns Dieter Gummer im folgenden Interview verraten.

Die Berufswelt und damit auch der Öffentliche Dienst haben sich im vergangenen halben Jahrhundert zum Teil drastisch verändert . . .

Dieter Gummer: Ja, die Verwaltung, der Öffentliche Dienst im Allgemeinen, verändert sich seit vielen Jahren. Diese Veränderungen erleben wir insbesondere in dem Prozess von der klassischen Verwaltung hin zum Dienstleister. Wann hat man denn jemals von dem Bürger als Kunden gesprochen? Kundenzentren, Bürgerbüros stehen beispielhaft für diesen Wandel. Diesen Veränderungsprozess erleben und gestalten wir ja auch in unserer Verwaltung.

Wozu führt(e) dieser Veränderungsprozess? Das Rathaus als Ort der Obrigkeit, in das man am besten auf Knien reinrobbte, hat sich ja immer mehr zu einem Dienstleistungsbetrieb entwickelt . . .

Gummer: Das führt teilweise zu einem sich veränderndem Verhalten der Bürgerinnen und Bürger respektive Kunden. Vorstellungen werden manchmal fordernder, selbstbewusster, mitunter aggressiver, vertreten. Die Bereitschaft, Entscheidungen zu akzeptieren, sinkt, schließlich hat man ja eine Rechtsschutzversicherung . . . Auch die Anforderungen an die Beschäftigten in der Verwaltung haben sich auch dadurch verändert. Fachkompetenz als Qualifikationsmerkmal reicht alleine nicht mehr aus. Deshalb bieten wir in unserer Verwaltung zahlreiche Fortbildungsmaßnahmen an – vom Fachseminar über Selbstbehauptungs- bis zum Anti-Aggressionstraining und h Führungskräftetrainings.

Wie haben Sie diesen Wandel erlebt und wie haben Sie diese Veränderung wahrgenommen und auch gefördert?

Gummer: In jedenfalls ganz unterschiedlichen Aufgabenstellungen, als Motor der Veränderungsprozesse, als Entscheider. Basis ist, dass die Verwaltung für den Bürger da ist, ihm mit Rat und Tat zur Seite steht, aber das geltende Recht die Grundlage des Verwaltungshandelns ist. So war zum Beispiel Haßloch „Pilotkommune zur Erprobung neuer Steuerungsmodelle“, in Hockenheim wurden die Aufgaben in Fachbereichen sukzessive neu geordnet, das Bürgerbüro installiert. Auch die Stadtwerke haben sich vom öffentlichen Versorger zum Dienstleister entwickelt. Veränderungsprozesse setzen die Bereitschaft der Beschäftigten zur Mitwirkung voraus und müssen gelebt werden. Da ist oft Überzeugungsarbeit gefragt. Das heißt aber auch, dass sich die Aufgaben in der Verwaltung, und im Öffentlichen Dienst überhaupt, stetig weiter entwickeln. Damit ist ein Wandel der Berufsbilder ebenso verbunden wie die Anforderungen steigen. Deshalb gilt unser Bemühen der Personalgewinnung und der Personalentwicklung mit dem Fokus auf Personalqualifizierung. Wir stehen im Wettbewerb um die Besten.

Gibt es Anekdoten aus Ihrer Anfangszeit, die heutzutage undenkbar wären?

Gummer: Natürlich, allerdings sind nicht alle Erinnerungen zur Wiedergabe geeignet, auch ich war einmal jünger (lacht). Beispiel: In unserer Ausbildungszeit war gemeinsame Freizeitgestaltung angesagt. Der Besuch des Wurstmarktes endete am nächsten Morgen, und dann ging’s zum Dienst. Ich weiß noch heute, es war ein langer und harter Tag.

Insbesondere technisch hat sich in kurzer Zeit unglaublich viel getan. Galt in den 90er Jahren das Fax noch als das Nonplusultra, wissen heute viele Smartphone- und WhatsApp-Jünger gar nicht einmal, was das überhaupt ist . . .

Gummer: Da würde ich sogar noch ein Stück weiter zurückgehen. 1968, zum Beginn meiner Ausbildung, hatten wir zuhause noch kein Telefon. Nach der Wählscheibe kam das Drucktastentelefon, heute sind wir beim Smartphone angekommen – diese Techniken trennen Welten. Anderes Beispiel: 1974 wurde ich auf eine Aufgabe in einem Gebietsrechenzentrum vorbereitet und dafür sechs Monate für Schulungszwecke freigestellt. Programmiersprachen waren PL1 und Assembler. Programmablaufpläne musste ich mit IBM-Schablonen darstellen, heute bewegt man sich in der Cloud - das sind unglaubliche Entwicklungen.

Stark verändert hat sich auch das Verhältnis der Bürger zu den Gemeindeverwaltungen und Kommunalpolitikern. Es werden nicht mehr alle Entscheidungen von Verwaltung und Gemeinderat als gottgegeben und unverrückbar hingenommen. Bürger hinterfragen Entscheidungen, mucken auf, wollen eingebunden werden und gründen Initiativen. Welche Auswirkungen hat dies auf die Kommunalpolitik im Vergleich zu früher?

Gummer: Die Beteiligung von Bürgern ist wichtig. Sowohl Gemeinderat als auch Verwaltung sind auf Meinungsbilder aus der Bevölkerung angewiesen. Problematisch wird die Beteiligung aber dann, wenn die Verantwortung des Souveräns, also des Gemeinderates, infrage gestellt oder ausgehöhlt wird. Denn der Gemeinderat als demokratisch gewähltes und damit legimitiertes Organ hat die Aufgabe, die Entwicklung einer Kommune durch Entscheidungen zu gestalten. Diese Kompetenz wird durch überzogene Beteiligung aufgeweicht und schwächt die gewählten Organe, was meines Erachtens nicht gewollt sein kann.

Beim Blick zurück spricht man gerne von der guten, alten Zeit. In welcher Dekade fühlten beziehungsweise fühlen Sie sich wohler: In Ihren ersten im öffentlichen Dienst oder in den vergangenen zehn Jahren?

Gummer: Jede Zeit hat ihren Reiz. Da gab und gibt es unterschiedliche Aufgabenstellungen, Kolleginnen und Kollegen, diverse Begegnungen mit Bürgern oder die Entwicklung der Technik oder des geltenden Rechts und anderes mehr zu betrachten. Dabei bin ich mir aber auch im Klaren, dass mit meiner beruflichen Entwicklung ein stetiger Aufstieg verbunden war. Das hat zu steigender Verantwortung geführt und doch hatte ich jeweils den Eindruck, auf den bereits gemachten Erfahrungen aufbauen zu können. Ich würde sagen, jede Stufe war als Grundlage für den nächsten Schritt wichtig. Identifiziert habe ich mich mit jeder Aufgabe. Die spannendste Zeit war und ist aber zweifellos die in der Aufgabe als Oberbürgermeister der Stadt Hockenheim. Würde ich meine berufliche Entwicklung unterteilen wollen, dann würde ich sagen: In Ludwigshafen wurde der fachliche Grundstein gelegt, in Haßloch die Verbindung zur Gremienarbeit und die Erkenntnis zu erforderlichen Veränderungsprozessen und Führungsverantwortung intensiviert. Die Aufgabe in Mannheim hat mich quasi auf „auf Hockenheim vorbereitet“.

Wie ist die Aussage „auf Hockenheim vorbereitet“ zu verstehen?

Gummer: Da spreche ich von meinen Erfahrungen aus der Bereinigung der finanziellen Schieflage der Diakonie in Mannheim und der finanzwirtschaftlichen Situation, die ich 2004 beim Hockenheimring angetroffen habe. Ich kann sagen: Letztere Probleme zu lösen war die schwierigste Aufgabe in meinem beruflichen Leben. Deshalb bin ich froh, dass es gelungen ist unseren Hockenheimring finanzwirtschaftlich zu stabilisieren. Gleichwohl haben wir nun die Aufgabe seine Zukunft zu gestalten.

Wenn man Ihre berufliche Entwicklung vom Verwaltungslehrling bis zum Oberbürgermeister betrachtet: Denken Sie, dass dieser Werdegang allein Ihren fachlichen Fähigkeiten zuzuschreiben ist oder sehen Sie da auch noch andere Faktoren?

Gummer: Das Schicksal hat es wohl, auch wenn es genug negative Erfahrungen gab, gut mit mir gemeint – und dafür danke ich Gott. Es gab und gibt aber auch Menschen, die mich im Beruf unterstütz(t)en. Daher hatte ich schon immer die Meinung, dass ich nur so gut bin wie meine Mitarbeiter, vertreten. So habe ich allzeit versucht, diese zu qualifizieren um ihnen berufliche Zufriedenheit zu verschaffen sowie Entwicklungsmöglichkeiten zu sichern aber auch hochwertige Arbeitsergebnisse zu erzielen. Dahinter verbirgt sich ganz einfach die Vorstellung von „fördern und fordern“. Schließlich habe ich diese Erfahrungen selbst gemacht. Meine Vorgesetzten haben mich gefördert und Leistung gefordert. All diese Erfahrungen gebe ich auch weiter. Das heißt, dass meine berufliche Entwicklung nicht alleine an fachliche Kompetenz geknüpft war. Die Antwort findet sich auch im zwischenmenschlichen Bereich, sowohl beim Bürger wie beim Mitarbeiter: Wie respektvoll begegne ich meinem Gegenüber? Hat er das Gefühl, mit seinen Problemen von mir ernst genommen zu werden? Bin ich glaubwürdig, schafft das Vertrauen und es gelingt eine gute Zusammenarbeit bei gegenseitiger Wertschätzung. Auch das sind Voraussetzungen, um sich für weitere Aufgaben zu empfehlen. Es gibt also, neben den genannten und weiteren Punkten und der Fähigkeit Führungsverantwortung zu übernehmen sowie über den Tellerrand hinaus zu blicken, weitere Faktoren, die Einfluss auf die berufliche und persönliche Entwicklung eines Menschen, auch meine eigene, nehmen beziehungsweise genommen haben.

50 Jahre Engagement im Beruf, mit dabei Frau und zwei Kinder und dazu noch abendliche Studiengänge der Verwaltungs- und der Wirtschaftswissenschaften: Wie war das miteinander vereinbar?

Gummer: In den Anfangsjahren habe ich es eher genossen, mit Freunden unterwegs zu sein. Das hat sich dann grundlegend geändert. Wobei meine Frau die Aufgabe übernommen hat, unser „kleines Unternehmen“, nämlich die Familie, zu managen. Mit zunehmender Verantwortung, dazwischen auch noch die beiden Studiengänge, hat sich mein Beitrag zum Familienleben reduziert. Den Ausgleich hat meine Frau übernommen – und dafür bin ich ihr dankbar. Ohne sie wäre diese berufliche Entwicklung sicher nicht möglich gewesen.

Info: Weitere Bilder gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel