Hockenheim

Landwirtschaft Agrarwissenschaftlerin Lisa Rinklef strebt für ihre Streuobstwiese das EG-Öko-Zertifikat an / Apfelsaft soll künftig auf Flaschen gezogen werden

Alte Sorten liegen ihr sehr am Herzen

Archivartikel

Winterrambur, Goldparmäne oder ein Freiherr von Berlepsch - was gerade in seiner prächtigen, grün-gelben Schale vor die Füße der jungen Landwirtin purzelt, ist für Lisa Rinklef weit mehr als die Kombination von Sonne, Wind und Regen. In Gummistiefeln steht sie auf einem Stück Land, das schon ihr Großvater pflegte. Rund 50 Bäume stehen auf der Streuobstwiese und überlassen ihr eine gute Ernte.

Zu einer Zeit, zu der andere Landwirte über großen Ausfall in der Produktion klagen - das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium geht von wirtschaftlichen Schäden in Millionenhöhe aus - kann sie sich auf die geschützte Lage unweit des Rheins, inmitten des Tiefgestades, verlassen. "Die sind meist später dran mit der Blüte und so haben wir keine großen Frostschäden erlitten", betont sie. Und erntet weiter, denn das Zeitfenster ist eng. So wie es einst ihr Großvater mit den die köstlichen, teils sehr alten Apfelsorten tat. Saft gewann er daraus, ihre Familie genoss auch Most aus den Rosengewächsen.

Das Geheimnis der alten Obstsorten kennt die 28-jährige Hockenheimerin nur zu gut: "Das liegt im feineren Geschmack dieser nicht zur Höchstleistung getrimmten Bäume." Ihr Säure-Zucker-Verhältnis ist ausgewogener, sie sind längst nicht so süß wie jene, die die Industrie zur Saftherstellung verwendet. Aber sie brauchen auch viel Pflege, müssen immer wieder geschnitten werden. Eine Wiese will ihren Besitzer - oder ihre Besitzerin - regelmäßig sehen.

Nicht gedüngt und nicht gespritzt

Wieder prasseln Äpfel vom Baum. Ihr Vater hat kräftig geschüttelt. Um sie herum stibitzen Schafe die eine oder andere Köstlichkeit. Idylle pur? Nein, da ist die Agrarwissenschaftlerin mit Bachelor-of-Science-Abschluss ganz im Hier und Heute: "Natürlich haben wir da auch ein bisschen Öko-Dünger im gegenseitigen Nutzen", lacht sie, "aber Streuobstwiesen werden weder gedüngt noch gespritzt." Das ist ihr wichtig, denn Lisa Rinklef strebt das EG-Öko-Zertifikat für ihre Äpfel an.

"Es braucht einen Zeitraum von drei Jahren für die Umstellung von Dauerkulturen wie Äpfel", erläutert sie. Sie konnte nachweisen, dass die Streuobstwiese schon seit langer Zeit im Sinne der Vorgaben bewirtschaftet wird.

Apfelwickler, Schorf und Ohrenzwicker - der natürliche Kreislauf wird akzeptiert. Pluspunkt für sie. "Ein Zertifikat kann dann auch rückwirkend verliehen werden", erklärt sie weiter. Das ist wichtig, denn die junge Frau, die ein agrarwissenschaftliches Gymnasium besuchte, hat ein großes Ziel gleich zu Beginn ihres Berufslebens: die Produktion von Saft direkt von der Streuobstwiese ins Glas.

Die passenden Äpfel hat sie, bisher wanderte deren Saft in einen Fünf-Liter-Container aus Plastik. Lisa Rinklef will noch konsequenter sein, wenn es um "Bio" geht. Daher lässt sie jetzt ihre erste Saftproduktion in Glasflaschen abfüllen - in einem Betrieb, der in diesem Moment ausschließlich für sie arbeitet. "So weiß ich, dass nur meine Äpfel im Saft landen", begründet sie ihre Wahl.

Tofu und alte Getreidesorten

"Das liegt mir am Herzen" - sie deutet über die Wiese hinaus auf die Felder und die Rheinaue. Auf ihren Feldern wird nach der Umstellung auch Soja wachsen, die nicht als Tierfutter endet, sondern dann zu Tofu weiter verarbeitet wird. "Der Winterweizen wird irgendwann zu Mehl für Brot", betont sie die Weiterverarbeitung.

Künftig will sie auch Amaranth und Buchweizen anbauen - alte Sorten, die gerade eine Renaissance erleben. Sie krault einen Schafbock unter dem Kinn, lacht ihren "Familienleiharbeitern", wie sie Mutter Birgit und Vater Karl liebevoll nennt, zu und nickt, als sie nach der Männerdomäne Landwirtschaft befragt wird: "Ja, das ist so - und für eine junge Frau sicherlich eine Herausforderung. Aber ich mache mein Ding."

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