Hockenheim

Im Interview Rainer Wedler spricht über sein neues Buch „Das Jahr Null ist das Jahr Zwölf – Warum Hitler meinen Vater nur einmal getroffen hat“

Annäherung an ein Menschenleben

Archivartikel

Rainer Wedler hat eine Vielzahl an Romanen, Kurzgeschichten- und Gedichtbänden veröffentlicht und wurde mehrfach dafür ausgezeichnet. Im Ludwigsburger Pop-Verlag liegt jetzt sein neuester Roman „Das Jahr Null ist das Jahr Zwölf – Warum Hitler meinen Vater nur einmal getroffen hat“ vor, in dem er das Leben seines Vaters nachzeichnet. Der in Ketsch lebende Autor liest daraus am Freitag, 22. März, 20 Uhr, in der Stadtbibliothek.

Herr Wedler, Sie schreiben fast jedes Jahr ein Buch. Wie kommen die Themen zu Ihnen? Was ist zuerst da: Bilder, Szenen, eine Idee?

Rainer Wedler: Eigentlich gibt es nur ein Thema: Was ist der Mensch? Ich weiß es nicht. Alles bleibt Annäherung. Und genau dies führt dazu, es dennoch immer wieder zu versuchen. Da stellen sich dann die von Ihnen genannten Bilder und Ideen ein, die sich wechselseitig ergänzen und vorantreiben. Jede Beobachtung, auch die zunächst banal erscheinende, wird aufgeschrieben. So entsteht ein ungeordneter Zettelkasten, in den ich greife, wenn sich eine Schreibblockade ankündigt.

Wie kommt es dann zur Gattungsfindung? Sucht sich der Stoff die ihm gemäße Form oder ist das eine bewusste Entscheidung, die Sie treffen?

Wedler: Mir stellt sich diese Frage nur bei der Prosa. Oft passiert es, dass ich bei einem Stoff erst beim Schreiben merke, dass er nicht trägt für einen Roman. Eine Kurzgeschichte nach der klassischen Definition würde es aber auch nicht sein. Ich behelfe mir dann mit Begriffen wie „Kurze Prosa“ oder „Lange Prosa“. Ansonsten mögen sich mit solchen Gattungsfragen die Literaturwissenschaftler herumschlagen.

Sie haben mir ihrem aktuellen Roman ein Stück Erinnerungskultur geschrieben. Ein wenig erinnert es an Uwe Timms „Am Beispiel meines Bruders“, wo der Münchner Autor den Tod seines Bruders aufarbeitet. Grundlage hierfür sind Tagebuchaufzeichnungen. Bei Ihnen sind es Kassetten. Hat es die wirklich gegeben?

Wedler: Nein, die Kassetten hat es nicht gegeben, manchmal hätte ich mir aber Ähnliches gewünscht. Das wäre Erleichterung und Erschwernis in einem gewesen. So habe ich nur auf wenige familiäre Quellen zurückgreifen können. Das hat mir mehr Freiheit verschafft in der Gestaltung des Stoffs. Es geht mir dabei übrigens nicht um irgendeine Form von Aufarbeitung.

Sie bezeichnen Ihr Werk als Roman. Gibt es auch biografische Elemente, die Sie mit einfließen ließen oder anders gefragt: Hat Ihr Vater Hitler wirklich einmal getroffen?

Wedler: Tatsächlich hatte ich mit der Kategorisierung ziemliche Schwierigkeiten. Das können Sie noch am Cover erkennen, wo „Roman“ ganz klein gedruckt ist. Aber zu Ihrer Frage: Ja, Biografisches fließt mit ein. Und, mein Vater ist von Hitler, wie Millionen andere, getroffen worden. Kern des Buches ist seine Befehlsverweigerung, die er überlebt hat.

Sie greifen eine seit 2015 als erwiesen geltende Tatsache auf, die besagt, dass Hitler nur einen Hoden gehabt haben soll. Was hat Sie an diesem Detail zu Hitlers Leben gereizt?

Wedler: Der größte Feldherr aller Zeiten ein halber Mann, vor dem Hunderttausende von Helden strammstehen, das hat doch was. Und der Vater hat das gesehen. Eine unvorsichtige Bemerkung hätte schlimme Folgen haben können, wäre vielleicht sogar sein Todesurteil gewesen. Hitler ein einhodiger Psychopath.

In ihrem aktuellen Roman geht es nicht nur um Erinnerungskultur, sondern auch um die Aufarbeitung einer Vater-Sohn-Beziehung. Inwiefern war Ihnen das ein Bedürfnis?

Wedler: Es geht mir im Buch gar nicht wesentlich um die Vater-Sohn-Beziehung. Vielmehr sollen kleine Ausschnitte aus dem Leben eines Menschen eine Annäherung an ihn erlauben. Mehr als das wäre für mich eine Anmaßung.

Uwe Timm sagte einmal in einem Interview, er habe sich an das Thema über viele Jahre herantasten müssen. Wie war das bei Ihnen?

Wedler: Natürlich habe ich mich oft damit beschäftigt, hatte aber immer Skrupel, weil ich ja nicht wissen konnte, ob der Vater damit einverstanden gewesen wäre. Nun hoffe ich, dass er es akzeptiert hätte. Im Laufe der Jahre hatte sich so eine Menge an Material angesammelt, das erst kritisch gesichtet werden musste.

Der letzte Satz Ihres Romans lautet: „Hitler hat kein Grab gehabt. Der Vater hat da einen Sieg errungen, wenigstens für ein paar Jahre.“ Können Sie dazu noch etwas sagen?

Wedler: Aus gutem Grund hat man Adolf Hitler kein Grab gegeben. Das wäre zu einer Kultstätte für Faschisten aus aller Welt geworden. Der Vater dagegen wurde mit allen Ritualen seiner Religion beerdigt. Beim Leichenschmaus war er anwesend – in vielen Anekdoten und kleinen Geschichten. Es hätte ihm gefallen.

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