Hockenheim

Stadthalle Berechtigter Beifall für komisch und hintergründig-subtil inszenierte Kriminalkomödie "Arsen und Spitzenhäubchen" / Klassiker des schwarzen Humors

Anstand und Moral gehen rasant über Bord

Zu Joseph Kesselrings haarsträubender Kriminalkomödie "Arsen und Spitzenhäubchen" müsste man eigentlich nicht mehr viel sagen: Knappe 1500 Vorstellungen am Broadway, ein Leinwand-Abenteuer, das das frühe Kino entscheidend prägen sollte, und Millionengewinne, von denen selbst Abby und Martha Brewster nur träumen können. Mit anderen Worten: Die Strahlkraft der Geschichte, in der ausgerechnet zwei Seniorinnen zu wunderbar nüchternen Giftmörderinnen werden, spricht für sich.

Warum sich die Fassung des Berliner Kriminaltheaters in guten zweieinhalb Stunden vor dem Publikum der Stadthalle dennoch einen Applaus erspielt, der sich nicht einfach auf dem Charme des Ursprungs-Textes ausruht, hat seine Gründe. Bereits Manfred Bitterlichs Bühne verleiht der Szenerie eine Mischung aus großbürgertümlichen Bücherregalen und gelb-ornamentierter Tapete, einem dekadenten Divan und der ganz bodenständigen Kiste, in der die nächste Leiche schon darauf wartet, in den Keller - pardon: nach Panama - transportiert zu werden. Es wird dies die Kunst sein, die in diesen 140 Minuten aus humoristischem Stoff eine süffisante Bühnenpracht destillieren wird.

Das nimmt schon in den ersten Minuten seinen Lauf. Abby (Vera Müller) und Martha (Anette Felber) sitzen zu Tisch, der Theaterkritiker Mortimer (Matti Wien) fast schon im Anmarsch. "Mehr als ein, zwei Jahre gebe ich dem auch nicht mehr", lassen die Damen wissen - und haben sich das erste Augenzwinkern damit zielsicher abgeholt. Denn dass und warum das Theater sich um seine Zukunft nun wirklich keine Sorgen machen muss, darf jeder klar erblicken, der hier sitzt.

Das tödliche Dutzend

Der Kritiker vom Dienst ist kaum ins traute Heim zurückgekehrt, da wartet auch schon die schrille Elaine Harper (wunderbar lasziv: Maria Jany) auf ihren Liebsten, um dem nicht nur zu zeigen, dass sie gar herrliche Beine hat, sondern auch den Heiratsantrag bekommt, der nach ihrem Empfinden längst überfällig war. Nach dem, was Mortimer gerade gesehen hat, ist ihm nach Vielem zumute, doch nicht nach Heiraten. Denn der Schock sitzt tief: Die Leiche in der Sitzbank, Abby und Martha, die sich freimütig dazu bekennen, mit diesem Arsen-Opfer das tödliche Dutzend endlich voll gemacht zu haben, und die Frage, die er einfach nicht beantworten kann: Wie konnten aus unbescholtenen Damen kaltblütige Mörderinnen werden?

Doch da liegt das Besondere dieser Inszenierung. Vera Müller und Anette Felber formen die Protagonistinnen mit derart verlockendem Charme und drängender Spielfreude, dass die brutale Nonchalance, mit der sie ihre Mordserie preisgeben, gar nicht schockieren kann.

Das Spitzenhäubchen kaschiert die Arsenflascheganz vortrefflich, und wenn mit Teddy (fulminant: Klaus Rätsch) auch noch ein psychisch labiles Familienmitglied mit US-Präsidenten-Syndrom nur darauf wartet, das nächste vermeintliche "Gelbfieber-Opfer" im Kellergewölbe des Panama-Kanals zu versenken: Herzlich willkommen!

Langsam, aber beharrlich werden wir so in den Sumpf dieser mörderischen Familie hineingezogen, und als auch noch der lange verloren geglaubte Bruder Jonathan (ein Frankenstein, wie er im Buche steht, Wolfram von Stauffenberg) mit seinem plastischen Chirurgen Dr. Einstein (der perfekte Bösewicht: Wesselin Georgiew) auftaucht, um den heimlichen Kellerfriedhof mit einer Leiche zu zieren, sind alle Grenzen von Anstand und Moral vollends über Bord geworfen. Selbst der Polizeibeamte O'Hara interessiert sich statt für wahre Verbrechen nur für Winzigkeiten.

Wolfgang Rumpfs Inszenierung lebt von ihrer fatalen Komik, die sie von der ersten bis zur letzten Sekunde ausagiert und mit den vermeintlich mental Gesunden folgerichtig jene in die psychiatrische Klinik schickt, die sich doch eigentlich anderer entledigen wollten. Für diese bestechend komische und hintersinnig-subtil arrangierte Aufführung hat sich ein durchweg starkes, stellenweise sogar überragendes Ensemble den Beifall redlich verdient.

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