Hockenheim

Klimawandel vor der Haustür (Teil 14) Michael Schöllkopf stellt den Verein „Solardrom“ vor / Atlas zeigt, Sonnenenergie kann zu 100 Prozent mit Strom versorgen

Aus dem Weltall in die Steckdose

Archivartikel

Die einen bräunen sich darin, die anderen freuen sich über wachsende Pflanzen. Dass das Sonnenlicht aber auch eine bisher unterschätzte Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielt, davon sind Michael Schöllkopf und Uwe Heidenreich überzeugt. „Man kann ich Hockenheim unwahrscheinlich viel tun - die Lage in der Oberrheinebene ist geradezu prädestiniert für die Solarenergie“, sagt der Diplom-Biologe Uwe Heidenreich, der auch als Vorstandsmitglied der lokalen Naturschutzverbände Nabu- und BUND in dieser Artikelserie schon viele Anstöße für mehr Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit gegeben hat.

Im Gespräch mit dieser Zeitung berichten die beiden, wie Hockenheim mit mehr Solarenergie einen enormen Schritt in eine nachhaltige, klimaneutrale Zukunft gehen kann. Schöllkopf hat zu diesem Zweck mit einigen Gleichgesinnten 2011 sogar einen Verein gegründet: Solardrom betreibt seitdem unter anderem die Bürgersolaranlage am Aquadrom und steht Interessierten mit Rat und Tat zur Seite. Mit dabei ist auch die lokale Agenda Hockenheim.

Heidenreich und Schöllkopf haben zum Gespräch eine Karte mitgebracht. Sie zeigt Hockenheim mit seinem Straßenverlauf. Statt rot-brauner und grauer Dächer sind aber bunte Flächen eingezeichnet – überwiegend in knalligem Rot oder Orange. Anhand diverser Standortfaktoren wie Neigung, Ausrichtung, Verschattung oder direkter Sonneneinstrahlung wurden die einzelnen Dächer nach ihrer Eignung für Solarenergie beurteilt.

Standorte der Einstrahlung

Gepflegt wird dieser sogenannte Solaratlas von der Landesanstalt für Umwelt (LUBW). Etwa die Hälfte der Flächen auf der Karte sind rot, was bedeutet, dass 95 bis 100 Prozent der eingestrahlten Energie genutzt werden kann. Die andere in orange eingefärbte Hälfte kommt auf 80 bis 94 Prozent. Als bedingt geeignet (75 bis 79 Prozent) sind nur noch wenige Flächen ausgewiesen. Nur Einzelfälle müssten im Details geprüft werden, was nicht heißt, dass sie gänzlich ungeeignet wären. Michael Schöllkopf verweist auf eine Anlage, die in Hockenheim an einem Balkongeländer installiert ist. Statt Blumenkästen hängen dort Solarpanels und sammeln Sonnenenergie – senkrecht montiert und im nord-östlichen Schatten des Gebäudes. 600 bis 700 Kilowatt Energie liefert die Anlage immerhin, die Schöllkopf testweise betreibt, pro Jahr. „Das sind zwar nur 40 Prozent von dem, was die Anlage bei optimaler Lage liefern würde“, sagt er „aber immerhin 40 Prozent mehr als jedes normale Balkongeländer.“

Darüber hinaus ist das Experiment für Schöllkopf auch ein Beispiel dafür, wie klein man schon in die Solarenergie einsteigen kann. Nicht jeder Interessierte muss sich gleich das ganze Hausdach zupflastern lassen. „Solarpanels am Geländer sind nicht teuer, halten 25 Jahre und sehen auch noch ganz schön aus. Streichen muss ich in dieser Zeit jedenfalls nicht mehr“, sagt Schöllkopf – und die Energie gibt’s als Abfallprodukt der Verschönerung obendrauf. Diese und andere Überlegungen sind in der Eignungskarte, die die beiden mitgebracht haben, noch nicht einmal berücksichtigt – darin geht es erstmal nur um Dachfläche. Auf Grundlage dieser Daten hat Schöllkopf auch schon Berechnungen angestellt. Derzeit, so haben die Stadtwerke ihm mitgeteilt, verbrauchen die Hockenheimer 39 Terawatt (39 000 000 000 Kilowatt) an Energie. 13 Terawatt, also immerhin 34 Prozent, werden in der Rennstadt schon mithilfe erneuerbarer Energie bereitgestellt. Würde die Karte in die Realität umgesetzt, käme die Stadt auf einen Wert von 67 Terawatt – 170 Prozent der benötigten Energie.

Vollständige Versorgung möglich

„Das ist erstmal nur ein rechnerischer Wert“, räumt Schöllkopf ein, aber er zeige dennoch: Ein Hockenheim, das vollständig mit erneuerbarer Energie versorgt wird, ist machbar. Dabei soll es keineswegs darum gehen, so betonen Schöllkopf und Heidenreich, die Stadtwerke auszubooten. Im Gegenteil, die Zusammenarbeit mit dem lokalen Energieversorger ist gewünscht. „Die Stadtwerke sind für unsere Ideen immer sehr offen – aber natürlich auch geprägt vom Markt und müssen wirtschaftlich denken. Aber sie in Richtung erneuerbare Energien zu unterstützen und mitzunehmen, ist eben genau unser Part“, erklärt Schöllkopf, der passenderweise als IT-Spezialist für einen Energieversorger arbeitet. „Das ist das Faszinierende am Oberrheingraben“, sagt Heidenreich, „egal welche Dachfläche man nutzt – die zur Morgenseite hin geneigte, oder die, die zur Abendsonne lacht – gibt volle Kanne Möglichkeiten, die Sonne zu nutzen. Das gibt es nicht überall.“ Bei allen Hiobsbotschaften, die derzeit zum Thema Klima auf die Gesellschaft niederprasseln, gibt die Solarenergie eine direkte Möglichkeit – für Verwaltung, für Firmen, aber auch für jeden Einzelnen selbst, etwas zu tun, ist sich Heidenreich sicher.

Darauf warten, dass Windenergie aus dem Norden in die Region kommt, ist keine Lösung für sie, vor allem keine, für die groß Zeit bleibt. „Einer der größten Vorteile der Solarenergie ist, dass man sie dezentral einsetzen kann“, sagt Michael Schöllkopf, „und wenn die Energie dann im besten Fall dort verbraucht wird, wo man sie erzeugt, hat man auch keine Verluste.“ Auch global, so ergänzt er, bringe diese Denkweise Vorteile. In Regionen Afrikas, wo überhaupt keine Stromnetze existieren, ist das Solarpanel die kluge Alternative zum Dieselgenerator, für den kilometerweit teurer Treibstoff herangeschafft werden muss. Ein dezentrales Versorgungsmodell wäre eine Bereicherung für Regionen ohne Versorgung. Doch auch wenn in Hockenheim die Stromversorgung zentral geregelt ist, kann dort jeder theoretisch seinen eigenen Strom erzeugen, oder aber auch mit Hilfe der Sonnenenergie für Warmwasser sorgen. Jeder, der selbst Strom erzeugen möchte, kann mitmachen, davon sind Schöllkopf und Heidenreich überzeugt.

Ein Teil genügt

Es muss nicht gleich das ganze Dach sein, auch ein kleines Balkonmodul für die Steckdose kann schon ein Beitrag sein – und wie die Karte der LUBW zeigt, ist auch die Lage abseits der Südseite kein K.o.-Kriterium. „Wir haben alle Voraussetzungen gegeben“, sagt Uwe Heidenreich, „die Technologie ist da, wir haben mehr als ausreichend sonnenbeschienene Flächen – jetzt ist es an der Zeit, neue Konzepte zu schaffen: Wie kann jeder Hauseigentümer daran teilhaben? Wie können Mieter miteingreifen? Wie lassen sich Kooperationen, etwa mit der Stadt, gestalten?“ Darüber hinaus existieren, so ergänzt Schöllkopf, auch diverse Modelle, eine Anlage zu mieten, zu leasen, oder auch zu vermieten, sprich einem Energieerzeuger das eigene Dach als Fläche für Photovoltaikanlagen anzubieten.

Der Verein „Solardrom“ hat es sich auf die Fahne geschrieben, ein vollkommen nachhaltig mit Strom versorgtes Hockenheim zu schaffen. Um diesem Ziel näherzukommen bieten die Mitglieder eine kostenlose Beratung für alle Interessierten an. Gerade auch, weil diese in Sachen Solarenergie oft mit einem hohen Maß an Bürokratie und Sonderregelungen konfrontiert werden. Damit sich davon keiner abschrecken lassen muss, sieht sich der Verein als eine Art Vermittler für die Energiegewinnung der Zukunft – sauber und in Eigenregie. „Wir wollen dabei auch keinem irgendwas verkaufen“, verdeutlicht Michael Schöllkopf, „aber wenn jemand drei, vier Angebote für eine Anlage hat und sich nicht entscheiden kann, dann können wir ihm helfen, das beste Produkt für seine Situation zu wählen.“

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